Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 4 (4.1906)
- Date
- 1906-04-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 Ruhe Gottes gebraucht wurde, und der als Wurzel den Begriff der Seele enthält, d. h. dass der Sabbath dem Knechte die Seele gibt. Das Korrelat der Arbeit ist die Ruhe; und die soziale Forderung der arbeitenden Klassen geht dahin, dass sie, wie sie das Recht und die Pflicht zur Arbeit haben, das Recht und die Pflicht zur Ruhe haben sollen. Das Judentum kennt dieses Recht und kennt diese Pflicht; denn die Ruhe ist gleich der Arbeit Gebot; nicht nur die Ruhe des Körpers, sondern auch die Müsse, in der der Geist sich wiederfindet, in der nicht nur der Leib ruht, sondern auch der Geist, auf dass der körperliche Arbeiter, der im Schweisse seines Angesichtes sein Brot findet, freie Mussestunden gemessen könne, um seinen Leib und Geist zu erholen. Nichts anderes bedeutet es, wenn unsere Weisen eine Dreiteilung des Tages empfehlen, von dem ein Drittel der Arbeit, ein Drittel der Erholung des Körpers und ein Drittel der geistigen Beschäftigung gewidmet sein sollen. Die Sabbathidee ist gross, denn ihrer haben sich alle Kulturvölker der Welt bemächtigt; auch die' Sonntagsidee ist nur ein Kind der Sabbath sidee, und unter den sozialen Forderungen unserer arbeitenden Klassen steht die Sonntagsidee an erster Stelle. Aber was haben mit dieser Sabbathidee die Sabbathvorschriften zu tun? Wir hören auch hier wieder von der „Last des Gesetzes", unter der wir seufzen, so wie unter allen Vorschriften, die das gesellschaftliche formale Leben des Judentums regeln, eine Last, die wir los sein wollen. Darauf habe ich nur eines zu antworten. Ich antworte darauf mit einem Worte unserer Weisen: Cherut-Charu t. Die Gesetze sind zwar eingegraben (Charut), aber das raubt uns die Freiheit (Cherut) nicht. Wer durch das Gesetz sich gebunden fühlt, dem ist es keine Last, sjndern eine wahrhaftige Lust, und wer sich nicht gebunden fühlt, der kann sich entbinden. Die zerbrochenen Tafeln waren ebenso heilig als die ganzen; und als die Gesetzestafeln zerbrochen waren, flogen die Buchstaben in die Luft, wie die Alten sagten, womit nichts anderes gemeint sein kann, als dass der Geist des Gesetzes dasselbe in alle Welt trug, ein Geist, der überall hindrang, als wenn die Buchstaben des Gesetzes geflügelt wären. Es ist nicht recht, wenn von Seiten christlicher und jüdischer Exegeten gesagt wird: „Das ist die grosse Ethik des Christen - tumes, das war das Grosse des Stifters des Christentumes, dass er sagte: Nicht ihr seid dem Sabbath ausgeliefert, der Sabbath ist euch übergeben!" Darauf antworten wir ruhig: „Wohl steht dies im Evangelium geschrieben." Es stand aber schon viel früher geschrieben. „Der Sabbath ist euch übergeben und nicht ihr seid dem Sabbath ausgeliefert!" Wegen der hohen Wichtigkeit dieser