Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 4 (4.1906)
- Date
- 1906-04-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 „Vor wem hast Du rein zu erscheinen und wer reinigt Dich? Dein Vater im Himmel!" Der einzige Gott, der Mittel- und Brennpunkt unserer Religion ist, ist nicht allein Gegensatz zu den vielen Göttern, sondern der einzige Gott ist Gegensatz zu der Vielheit der Menschen. Der israelitische einzige Gott bedeutet für uns Einheit der Menschheit; nicht erst bei den Propheten, sondern wie das die schlichte, naive und klare Schöpfungsgeschichte sagt, schon von den ersten Kapiteln der Heiligen Schrift bis zu den Propheten abwärts und bis zu den letzten Ausläufern talmudischer und jüdischer Ethik der Neuzeit. Beweis dafür, dass der g e s c h i c h tliehe Sündenfall die Erzählung der Sprachenverwirrung in Babylon ist. Hier ist der Sündenfall, weil die Völker von nun an geschieden sind. Hier wurden sie getrennt, entgegen dem Geiste der Urschöpfung. Uns interessiert nicht in der Eeligion, was Gott ist; Gott lehrt nicht, was Gott ist, sondern er lehrt, was der Mensch sein soll; Gott erkennen heisst, „nachdem mich Gott gelehrt, was gut, redlich und sittlich ist, ihn lieben". Denn in der hebräischen Sprache ist „erkennen" und „lieben" gleichwurzelnd. „Ein Gott der Erkenntnisse (Gesinnungen) ist Gott". Die beiden klassischen Völker der Römer und der Griechen kennen keinen Gott in seiner reinen Bedeutung. Weder bei Sokrates noch bei Plato findet sich auch nur der leiseste Anklang an die Idee des Nebenmenschen und der Menschheit. Der einzige klassische Grieche, der die Menschenliebe und die Idee des Nebenmenschen kennt, ist P h i 1 o und der war Jude. Die jüdischen Propheten haben in Fortsetzung des Thoragedankens vom Nebenmenschen, den kein Volk in der Klarheit und Reinheit besitzt, wie die jüdische Tradition ihn lehrt, diese Bedeutung des Nebenmenschen, die klar und deutlich ausgedrückt ist in dem Gebote: „Liebe deinen Nebenmenschen wie dich selbst!" zum Gedanken der Menschheit weiterentwickelt, und das ist identisch mit dem Gedanken der Ewigkeit. Ewigkeitheisst ewiger Fortschritt und ewige Entwicklung der sittlichen Arbeit ohne Ende. Das ist der jüdische Begriff der Ewigkeit, fortschreitende Entwicklung ohne Ende und nie aufhörend in aller Zukunft. D i e Vollendung der Menschheit ist derGedanke der messiani sehen Idee. „Das Ende der Tage ist nicht das Ende der Welt", sondern „der Anfang einer neuen Welt"; ist die Vollendung der sittlichen Begriffe, die Umwertung aller sittlichen Werte in jene Werte, die erforderlich sind zur wahren Sittlichkeit. „ A c h a r i s" das „End e" heisst auch die .Nachfolge" und nicht der Schluss und daneben stellen die Propheten einen zweiten Begriff „Hoffnung". Es ist wohl eine Hoff-