Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 4 (4.1906)
- Date
- 1906-04-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9756662-9603423-9603519--1367-9603524- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
5 und einige jüdische, vom Hellenismus fanatisierte Gelehrte sahen. Es wurde viel Unwesen mit dem Wesen des Christentums und nicht minder des Judentums getrieben; wobei es nicht so sehr auf Darstellung, sondern auf Karrikatur des Judentums ankam, das man aus Ghettowinkeln betrachtete, anstatt von einer hohen Warte. Man stellte die Evangelien so dar, als wenn unsere Welt ganz evangelisch wäre, und man stellte das Judentum so dar, als hätte es von dem prophetischen Geiste der Thora nichts bewahrt. Man stellte es so dar, als hätten wir auf der Welt nichts mehr zu tun. Man möchte gerne, dass wir, wie David Friedrich Strauss vor Jahrzehnten die Frage stellte: „Sind wir noch C briste n?", auch an uns die Frage richten: „Sollen wir Juden bleibe n?" Das Gute, das das Judentum der Welt als niemals zu entwertenden Schatz gegeben hat, soll mit ihm begraben werden. Es erscheint nicht überflüssig, das Verhältnis der altjüdischen Ethik zu einigen grossen Forderungen, sittlichen Forderungen der Gegenwart, darzustellen. Natürlich können nur Gipfelpunkte hervorgehoben werden, von denen eine Ueberschau möglich ist. Ich kann nur das Wichtigste sagen und nicht einmal alles vom Wichtigsten. Das Judentum ist in erster Reihe, wenn auch nicht ausschliesslich, Religion. Man darf heute wieder über Eeligion sprechen, denn in unserer Zeit hat sich das Bedürfnis nach Religion im engsten Sinne des Wortes gesteigert. Die Religion gehört zur Kulturgeschichte, denn die Frage Woher und Wohin lässt sich nicht abweisen. „Die Religion ist kein Priesterbetrug." (Cohen.) Das Judentum der Thora ist die Darstellung des sittlichen Monotheismus, den sie als Forderung hinstellt gegenüber dem Heidentum aller Zeiten. Denn man muss wissen: „Das Sittliche ist nicht selbstverständlich. Das sittlich Gute ist nicht von selbst entstanden und geworden, und nicht nur Philosophen, Staatsmänner und Dichter sind die Entdecker des sittlichen Guten, sondern vielleicht zeitlich allen voran Religionsstifter. Das Interesse der jüdischen Religion ist einzig und ausschliesslich das Sittliche." Der Mythos interessiert sich für die Natur und das Wesen Gottes. Er fragt, wer ist Gott und was ist Gott. Die israelitische Religion interessiert sich für das Wesen Gottes nicht. Sie fordert Gott zur objektiven Begründung der Sittlichkeit. Denn nicht, weil es Gott befahl, ist etwas sittlich, sondern, weil es sittlich ist, befahl es Gott. Die Unabhängigkeit der Sittlichkeit und der Begriffe der Tugend und des Guten sollen dadurch gekennzeichnet werden, dass Gott sie befahl. Das ist die Bedeutung dessen, was Rabbi Akiba gesagt hat: