Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 4 (4.1906)
- Date
- 1906-04-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Semiten zu Liebe interesssiert man sich für sie und für ihre Geschichte, sondern vielleicht ihnen zu Leide. Es hat sich in unserer Zeit ein, fast kann ich sagen, wissenschaftlicher Antisemitismus herausgebildet, von dem vielleicht wenige unterrichtet sind; ein Antisemitismus in Toga und Barett, in Soutane und Bäffchen, der vielleicht ebenso gefährlich, wenn nicht gefährlicher ist als der, der in groben Stiefeln einherschreitet. Der Vorstoss gegen uns Juden ging zunächst von den Massen aus. Es war der reinste Utilitarismus, das Nützlichkeits- und Vorteilsprinzip, welcher die Massen bewog, sich gegen die Semiten und kat'exochen Semiten, gegen die Juden, zu wenden. Diese Gegnerschaft sublimierte sich wissenschaftlich und es bemächtigten sich dieser Ideen, um ihnen akademische Berechtigung zu verleihen, die Soziologen, die Philosophen und die Archäologen. Die hervorragendsten Vertreter der protestantischen und der katholischen Theologie und leider auch der Philosophie vereinten sich zu einem gemeinsamen Feldzuge gegen die Ethik des Judentums. Es wurde die Losung ausgegeben: Loslösung des Christentums und der Evangelien von dem Mutterboden des Judentums. Die Ethisierung und Soziologisierung der christlichen Lehren der Ethik zum Zwecke der Germanisierung und Zurücksetzung der biblischen und namentlich der talmudischen Forschungen wurde wissenschaftlich eingeleitet. Einer der Hauptvertreter dieser Art von Angriffen gegen die sittlichen Ideen des Judentums war auch der vor einigen Jahren so oft genannte Delitzsch; denn auch der Babel-Bibel-Rummel ist in seinem Grunde auf nichts anderes zurückzuführen, als auf die klare Tendenz, die moderne Kultur von den Grundbegriffen der Ethik und Sittlichkeit des Judentums zu befreien. Man gab die Losung aus, dass Monotheismus und Idee der Menschenliebe älter seien als das Judentum. Man wollte sie älter machen, nicht um das Alter dieser Ideen als ehrwürdig und gebietend vor der Mitwelt hinzustellen, sondern zu sagen: Nicht das Judentum war der Erfinder dieser Ideen, sondern das waren uralte semitische Völker. Delitzsch sagte: „Man darf nicht dulden, dass auch die Tugend der Menschenliebe zu einem Monopol des jüdischen Volkes gestempelt werde." Man sollte meinen, dass jeder ehrliche Christ sich mit Lessing sagen sollte: ,,Ist denn nicht das ganze Christentum aufs Judentum gebaut?" Zur Entwertung jüdischer Sittlichkeitsbegriffe und zur glanzvollen Darstellung christlicher Ethik wurde Geschichte tendenziös entstellt, wenn nicht gar Geschichte gefälscht. Selbst Männer von Ruf und Namen, wie Wellhausen, Schürer, Harnack auf der theologischen Seite, Paulsen und Wundt auf der philosophischen Seite wurden Opfer der unklaren Kenntnis des Talmud und des Vorurteils gegenüber der Thora und dem G e s p e n s t e des Gesetzes, das nur sie