Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 3 (3.1906)
- Date
- 1906-03-01
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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16 Zeugenaussagen, bei denen durch die Wirkung der Suggestion das Bild der ersten Erinnerung getrübt oder, was für die Rechtspflege ebenso verhängnisvoll ist, durch die Mitwirkung der freien Phantasie das Erinnerungsbild über den wahren Tatbestand hinaus „vervollständigt" wurde. Professor v. Liszt hat daher-das fragliche Buch allen Richtern sowie jedem, der sich für das Gebiet der Kriminalpsychologie interessiert, zum ernstesten Studium empfohlen. Wenn das ein Mann von dem Rufe eines Liszt tut, so muss das Buch einen hohen Wert besitzen. Wir haben uns durch die Lektüre des Werkes überzeugt, dass dies der Fall ist. Der Kriminalfall, der hier dargestellt wird, liegt sieben Jahre zurück. Es handelte sich dabei um einen der sogenannten „Ritualmorde", deren die antisemitische Agitation zuweilen bedarf, um die breite Masse mit dem Kitzel blödsinnigsten Aberglaubens aufzustacheln und gutgläubige Gimpel durch antisemitische Leimruten für den Wahnwitz der antisemitischen Verhetzung einzufangen. Es wird in dem Nussbaum'schen Buche lebendig und anschaulich, unter Herbeischaffung eines fast überreichen Materials aus den Niederungen der antisemitischen Geistesvergiftung dargelegt, wie die planmässige Fanatisierung einer ganzen Bevölkerung durch die unlautersten Mittel der hetzerischen Beeinflussung die Köpfe der Einzelnen dermassen verwirrt, dass vor Gericht unter dem Eide die schauerlichsten Unwahrheiten deponiert werden. Hie und da ist es hinterher wegen offenbaren Meineides zur Verhängung schwerer Zuchthausstrafen gekommen. In vielen Fällen aber bleibt diese Remedur aus. Die Verurteilungen von Angeklagten auf Grund solcher bewussten oder unbewussten Meineide werden nicht immer rückgängig gemacht, so dass hier den „Justizmorden" ein Feld eröffnet wird, vor dessen Umfang und Ergiebigkeit man erschaudern muss. „Was die Einbildung tut" — unter dieser Bezeichnung kann man viele jener Zeugenaussagen rubrizieren, die in sogenannten Ritualmordprozessen unter dem Drucke einer künstlich genährten Suggestion an Gerichtsstelle abgegeben werden. Man muss sich, um die ganze Tragweite dieser kriminalpsychologischen Ungeheuerlichkeiten einigermassen würdigen zu können, vor Augen halten, mit welch erstaunlicher Gewissenlosigkeit bei derartigen Aktionen die Schürer des Antisemitismus die unglaublichste Verlogenheit als unantastbare Wahrheit ausgeben, um die Massen in ihrem Sinne zu bearbeiten. Der Verfasser des Buches liefert dafür zahlreiche Belege, die uns einen traurigen Einblick in die Falschmünzer Werkstätten desfanatische n Antisemitismus eröffnen. Dabei ist von hervorragendem Interesse die auffallende Uebereinstimmung der Fälschungs- und Lügenmethode und ihrer „Erfolge" in den verschiedensten Fällen, in denen die antisemitische Agitation darauf ausging, die Bevölkerung für den Wahnsinn des Ritualmordglaubens empfänglich zu machen. Uebrigens