Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 2 (2.1906)
- Date
- 1906-02-01
- Page
- Seite 25 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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In den Schluchten des Antilibanon entsprungen, ergiesst sich der Jordan alsbald in den See Merom, durchfliesst seine Gewässer, strebt gegen Süden und erreicht den See Genezareth, den er ebenfalls durdifliesst, dann strömen seine segenspendenden Bluten noch eine Strecke von vierzehn Meilen und münden endlich in ein träges, von Schwefel und Pech übersättigtes Gewässer, in das Meer von Sodom, aus dem sie nicht mehr hinaus können. Von des Jordans Grab, das die Elemente seines Segens verschlingt, sagt ein jüdischer Geschichtsschreiber:*) „Vergleicht man die Natur und den Anblick dieses toten Meeres mit der Fruchtbarkeit des Sees Tiberias, welcher vermöge des Jordans in so naher Verbindung steht, so möchte man sagen, dass die Wasser Judäas, wie sein Boden, wie auch der moralische Zustand des jüdischen Volkes dazu bestimmt sind, das Alpha und das Omega, die grössten Extreme auf Erden, in sich zu vereinigen." Wer denkt hier nicht an das von frivoler Menschenverachtung, kalter Grausamkeit, Religions- und Klassenhass, Gewalttätigkeit, Trug, Dummheit, Streitlust, Heuchelei und Verlogenheit überflutete Mittelalter mit seinen in unsere Zeit reichenden, Seelenpest aushauchenden Sümpfen, an die Elemente Sodoms, die sich noch immer in den Niederungen der moralischen Gesiinkenheit stauen, und an die elend erbärmlichen Zustände, in die sie die Massen Israels versetzt und erhalten?! Der Prophet Jecheskiel weissagt, dass die gesunden Gewässer einst einen AusÜuss finden, durch den auch die Gewässer des toten Meeres geheilt werden. (Ezechiel 47, 8.) Auf welche Weise er sich das vorgestellt hat, wissen wir nicht; was wir wissen, ist nur, dass dies bei den heutigen technischen Mitteln durchführbar ist, und dass er von der Frage ausgegangen, ob denn der Segen des Landes für immer bestimmt ist, von dem Fluche Sodoms verschlungen zu werden. Ein gewissermassen ähnliches Problem drängt sich den Einsichtsvollen, die der Lage des grössten Teiles unserer Glaubens¬ und Stammesangehörigen auf den Grund blicken, recht lebhaft auf. Man fragt sich: Sind die Juden ein für allemal bestimmt, der Laune und Willkür der sittenfaulen Elemente moderner und unmoderner Nationen preisgegeben zu sein? Sollen alle Zeit frivole Streber und eitle Hetzer auf ihrem Rücken zum Aufstiege gelangen und grosse und kleine Volkstyrannen die üblen Launen der Massen nach Belieben von sich ab, auf sie hinüber lenken? Werden mit den verschiedensten Mitteln der Infamie inszenierte und rege erhaltene Aechtung und in Gesetzesformen gebrachte Böswilligkeiten immerfort jüdische Parias schaffen, die, im Vaterlande als Fremde und in der Fremde als Vaterlandslose hin- und hergeschoben, unter unsäglichen Seelenleiden physisch ver- *) Dr. Mandelstamm.