Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 2 (2.1906)
- Date
- 1906-02-01
- Page
- Seite 20 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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•2) Eine Stimme von Auswärts. Das „Berliner Tageblatt14 schreibt: Es gibt gewisse Vorkommnisse im öffentlichen Leben, die für den nüchtern beobachtenden und beurteilenden Verstand schlechthin unbegreiflich bleiben. Man muss vielmehr zu ihrer Erklärung auf gewisse dunkle Vorstellungen, gewisse in dem menschlichen Halbbewusstsein sich regende Empfindungen zurückgreifen, die sich dann in bestimmt gegebenen Fällen zu festen Meinungen, zu Ueberzeugungen verdichten und schliesslich sogar in Taten sich umsetzen können. In solchen Fällen ist man heutzutage geneigt, ja nach den Ergebnissen der modernen, physiologischen und pathologischen Forschungen im Bereiche der Nerven- und Gehirnfunktionen sogar verpflichtet, an eine Macht der Suggestion zu denken. Unter dem Einflüsse eines derartigen, aus abnormen physischen Anreizungen sich zusammensetzenden suggestiven Momentes können vielfach Urteile über angeblich beobachtete Erscheinungen ausgelöst werden, die mit der Wirklichkeit nicht in Uebereinstimmung zu bringen sind. Und noch eines ist dabei nicht ausseracht zu lassen, der Umstand nämlich, dass derartigen suggestiven Momenten eine Fermentwirkung innewohnt. Mit einer blitzgleichen Geschwindigkeit durchzucken sie förmlich die widerstandsfälligen Gemüter und nehmen völlig von ihnen Besitz. In vergangenen Jahrhunderten, als noch ganz einseitige, vornehmlich religiös-kirchliehe Vorstellungen in der Menschheit vorwalteten, so dass für rein verstandesgemässe Anschauungen wenig oder gar kein Raum übrig blieb, konnte man daher förmliche Ergriffenheitszustände bei Völkern beobachten, die alsdann zu solchen furchtbaren Erscheinungen wie die Geisslerfahrten, Tanzrasereien, Kinderkreuzzüge und ähnliches führten. Mit dem Vordringen einer besseren Naturerkenntnis, mit der weiteren Ausbildung der menschlichen Verstandes- und Urteilskräfte ist diese unselige, suggestive Macht, deren Kraftwurzeln aus dunklen Wahnvorstellungen entspringen, mehr uud mehr gebrochen, in den Hintergrund unseres Bewusstseins geschoben worden. Nur zuweilen brechen noch hiM und da, durch besondere, örtliche Anschauungs-Eigentümlichkeiten begünstigt, jene uralten, dunklen Gewalten, „die wir längst eingesargt wähnten", plötzlich hervor und lösen dann ähnliche — allerdings räumlich eng begrenzte — Erscheinungen aus. Zu diesen An- Anschauungs-Rückständigkeiten — um dieses Wort zu gebrauchen — gehört der zuweilen noch hie und da in gewissen Gemütern her i nrumorende Glaube an den Ritualmord. Welche furchtbaren Konsequenzen jedoch aus einer derartigen Anschauungs-Rückständigkeit sich unter gewissen, geeigneten Umständen ergeben können, dafür hat der bekannte Polnaer Ritualmordprozess, der mit der Verurteilung eines gewissen Leopold Hilsner sein be-