Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 2 (2.1906)
- Date
- 1906-02-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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10 nur aus gewissen formellen Gründen zulässigen Nichtigkeitsbeschwerde den Erfolg. Der Justizminister traute allerdings dem Wahrspruch der Geschwornen nicht, sondern Hess den „Doppelmörder" zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigen. So ist Hilsner am Leben geblieben. Der Kuttenberger Staatsanwalt hat den Fall Hilsner als die „österreichische Dreyfus-Afiaire" bezeichnet. Hoffen wir, dass man auch in Oesterreich in nicht allzu ferner Zeit wird sagen können: La verite est en marche! Der Hilsner^Prozess. Von Dr. Karl Krall, k. k. Oberlandesgerichts-Präsidenten a. D. Wien, 10. Februar. Wer ist „Hilsner"; was ist das für ein Strafprozess? Wer erinnert sich heute, dass im Jahre 1900 ein ganz armer Mensch, den unteren Volksklassen angehörig, wegen eines angeblichen Ritualmordes zum Tode verurteilt worden ist? Wir leben doch nicht mehr im. Zeitalter Voltaires, wo das ganze französische Volk ihm zujubelte, als er sich zur Lebensaufgabe machte, einem unschuldig Verurteilten die Ehre wiederherzustellen; heute haben wir andere Freuden, andere Sorgen, andere Ziele. Und doch zwingt uns das von Dr. A. Nussbaum geschriebene Buch über den „PolnaerRitualmordprozess", uns das Schicksal Hilsners in das Gedächtnis zurückzurufen; dieses Werk erregt schon dadurch unsere Aufmerksamkeit, dass der grösste jetzt lebende Strafrechtslehrer, Professor Ed. v. Liszt, es mit einem Vorwort versehen hat, in welchem er den Fall Hilsner als eine Urkunde von einzigartiger Bedeutung für die Kulturgeschichte <tes ausklingenden neunzehnten Jahrhunderts bezeichnet. Der Inhalt des Buches wurde im Blatte vom 26. Jänner d. J. in ausgezeichneter Weise dargestellt, und ich komme daher auf denselben nur insoweit zurück, als es zur Würdigung meiner folgenden Bemerkungen notwendig ist. Die Häuslerstochter Agnes Hruza wurde am 29. März 1899 in Polna ermordet; die Leiche wurde am 1. April in unmittelbarer Nähe des von Polna nach Klein-Wieznitz führenden Verbindungsweges im Brezinawalde gefunden. Da ein Motiv zur VerÜbung der Tat nach der Sachlage nicht festzustellen war, so musste natürlich ein Ritualmord vorliegen. Diese Annahme, die aus der in Polna herrschenden Stimmung zu erklären war, wurde von den Anhängern des Glaubens an den Ritualmord benützt, mit den schärfsten Mitteln wurde dieser Glaube verstärkt, in alle Kreise gebracht, und es wurde eine Nebenregierung eingesetzt, welche die Untersuchung in der Richtung des Ritualmordes führte; von der Ueberzeugung dieses Verbrechens sind — wie Liszt hervorhebt — die Aussagen der Zeugen getragen, in ihr liegt auch die