Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 2 (2.1906)
- Date
- 1906-02-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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3 Ein unermittelt gebliebener Täter hatte nämlich schon mehrfach dn den Wäldern um Polna Mädchen überfallen, und gerade am 28. und 29. März hatte sich ein unheimlicher Mensch in der Gegend der Fundstelle gezeigt. Agnes Hruza hatte einige Tage vorher einer Freundin erzählt, im Walde zwischen Klein-Wieznitz •und Seelenz treibe sich ein Mensch herum, der sie aufhalte; der Weg sei dort unsicher. Aber weder die eine noch die andere Spur wurde ernstlich verfolgt — der Ritualmordwahn war die Fährte, auf der man den Täter zu finden hoffte. Der Blutaberglaube ist in der antisemitisch verhetzten tschechischen Landbevölkerung Böhmens sehr verbreitet, und da hier ein neunzehnjähriges Mädchen während der jüdischen Osterfeiertage ermordet worden war, da die Leiche überdies eine Schnittwunde am Halse zeigte, so begann man alsbald ein jüdisches Religionsverbrechen zu wittern. Als eine des Verbrechens fähige Person erschien der Bevölkerung der 32jährige, arbeitsscheue Schuster Leopold Hilsner, der nebenan von der Schneiderin Prchal, der Arbeitgeberin der Ermordeten, wohnte. Ausserdem trieb er sich häufig im Brezina-Walde herum; mehrere Zeugen hatten ihn am 29. März, Nachmittags gegen 3 Uhr, in der Richtung nach dem Brezina-Walde gesehen, was Hilsner jedoch bestritt. Obschon nun jener Wald von den Bewohnern Polnas vielfach zu Spaziergängen benutzt wird und in einem Aufenthalt dort an sich nichts Auffälliges liegt, obschon ferner mehrere Haussuchungen bei Hilsner völlig ergebnislos blieben, genügten die angeführten Umstände dem die Untersuchung leitenden Gendarmerie-Wachtmeister Klenowec, um am 4. April zur Verhaftung Hilsners zu schreiten. Der Bezirksrichter Reichenbach, der sich völlig passiv verhielt, bestätigte die Massregel unter dem Drucke der öffentlichen Meinung. Die Verhaftung Hilsners gab das Signal zu Exzessen gegen die Juden sowohl in Polna wie in anderen Städten und es setzte jetzt eine antisemitische Agitation von unerhörtem Umfange ein, welche es bald dahin brachte, dass alle Spuren der Tat verwischt wurden. Die antisemitische Presse überschwemmte das Land geradezu mit erlogenen und aufreizenden Nachrichten, mit rohen Angriffen nicht nur gegen die Juden, sondern auch gegen die untersuchungführenden Beamten, und wo sich die Presse allzusehr durch das •Strafgesetz gehindert fühlte, musste die Immunität der antisemitischen Reichsrats-Abgeordneten dazu dienen, den unsinnigsten Gerüchten die Straffreiheit und die weiteste Verbreitung zu verschaffen. Daneben sorgten Redner, Broschüren, besonders Flugblätter und Ansichtspostkarten mit bildlichen Darstellungen des „Ritualmordes" für die Aufwühlung der Volksmassen. Schliesslich liess sich in Polna selbst, dem Gerichte zum Hohne, ein antisemitisches „Rechtskomitee" nieder, das eine förmliche Untersuchung im grössten Stile eröffnete. Dutzende von Zeugen vernahm und l*