Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 1 (1.1906)
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 21 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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21 einen sehr geringen oder gar keinen Erfolg, und die armen Witwen bleiben als Bettlerinnen im wahren Sinne des Wortes hier stehen. Denn, wenn sie auch vom Lehrerpensionsverein eine Pension erhielten, so ist diese so klein, dass sie nicht einmal täglich einen Laib Brot und Milch dafür für ihre Familie anschaffen können. Nun könnte man mir einwenden, dass bei der bekannten Mildtätigkeit unserer Glaubensgenossen noch kein Jude Hungers gestorben ist! Darauf kann ich antworten, was ich auch mit Belegen nachweisen kann, dass im Jahre 1891 eine solche Lehrerswitwe in Prag an Hungertyphus gestorben ist, da sie nicht den Mut und das Geschick hatte,, „schnorre n" zu gehen, ja sie war zu verschämt, um jemandem ihre traurige Lage zu schildern. Eine zweite Lehrerswitwe schrieb mir, dass sie in Böhmen herumreisen muss, um die Kollegen ihresverstorbenen Mannes anzuschnorren, dass sie ihre Betten, Kleider und Wäsche verkaufen musste, damit sie mit ihren Kindern nicht verhungert und jetzt mit ihrer Familie auf Heu und Stroh schläft. Ich weiss, dass solche Fälle heute, wo man in den Tagesblättern von hingeschlachteten und geplünderten Glaubensgenossen in Russland liest, nicht dasjenige Mitleidsgefühl in den Herzen der Judenschaft erregen, wie es sonst der Fall war, aber herzzerreissend ist es doch nur für uns Kultusbeamte der letztgeschilderten Gemeinden, wenn wir, von dem entsetzlichen Gedanken gepeinigt, schlaflose Nächte zubringen, da wir es voraussehen, dass es unseren Frauen ähnlich ergehen wird, wenn wir mit dem Tode abgehen. Ist die Frau noch rüstig, kann sie als Wirtschafterin gehen, wenn aber unversorgte Kinder noch sind, was soll sie mit diesen anfangen? Wie wäre diesem Elende abzuhelfen? Teilweise dadurch, dass der bestehende Lehrerpensionsfond auf diejenige Höhe gebracht werden möchte, die erforderlich ist, den invaliden Lehrern 1200 K jährlich, ihren Witwen die Hälfte dieses Betrages als Pension auszahlen zu können, wie es die Statuten vorschreiben, Ist doch dieser Betrag ein minimaler in Anbetracht dessen, dass der christliche Kollege mit 2400 K sich zur Kuhe setzt. Wenn jede von den 207 Kultusgemeinden Böhmens einen durchschnittlichen Jahresbeitrag von 20 K zum Pensionsfonde zahlen würde, so möchten jährlich über K 4000.— dem Fonde zurliessen, und es würde, da noch K 200.000 fehlen, 50 Jahre dauern, bevor der Fond auf die Höhe gebracht werden möchte, um damit die erwähnte Normalpension gezahlt werden könnte. Bis dahin wird diese Kultusbeamten-Generation längst ausgestorben sein. Man sollte es gar nicht glauben, dass eine grosse Zahl der böhmischen Kultusgemeinden nicht einmal diesen kleinen Beitrag zum Pensionsfonde leisten will! Soll es diese Generation erleben, dass die versprochene Normalpension ausgezahlt werde (bei diesen Aussichten wird kaum eine neue Generation kommen, ausser aus Polen und Russland