Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 1 (1.1906)
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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15 Gebrauch kommen und ist demnach für die Israeliten fast überall die Gefahr einer Verletzung ihrer Menschenwürde und Rechte in irgend einer Form vorhanden. An das muss uns das mit Blut und Tränen geschriebene, traurigste Kapitel der Geschichte unserer Gegenwart stets erinnern, und so wie im Interesse unserer namenlos unglücklicheu Glaubensgenossen auch im eigenen zur Vorsicht und Vorsorge mahnen. Als das von den Propheten angekündigte, grösste, nationale Unglück hereingebrochen war und den bereits im babylonischen Reiche gefangen gehaltenen Israeliten die Kunde geworden, dass ihre letzte Hoffnung, der religiöse und nationale Einigungspunkt ihres Volkes, zerstört, die geliebte Heimat, nach der sie sich so sehr gesehnt, ganz und gar verloren und dass die Feinde im Vaterlande gegen ihre Brüder in haarsträubender Grausamkeit raubend und mordend gewütet, war der Eindruck auf ihre schon zuvor gedrückten Gemüter der denkbar schrecklichste; doch die Lethargie währte nicht lange, Mut, Rührigkeit, Klarheit und Festigkeit traten alsbald an ihre Stelle. Es begann die Sammlung und Verjüngung der Kräfte, jene ewig denkwürdige Regeneration des Israelitenvolkes, durch die es seine verlorenen, nationalen Güter wieder erlangte. Nach dem vollständigen Zusammenbruche des Staates boten die auf fremdem Boden zerstreuten, zerstückelten Glieder des in jeder Hinsicht zerrütteten Volkes ein Bild der Trostlosigkeit, wie es die dem Propheten in der Vision gezeigten, über ein weites Tal zerstreuten, verdorrten Menschenknochen nicht düsterer darstellen konnten, und die Frage, ob aus den kraftlosen Resten des jüdischen Stammes noch eine Nation werden wird, war so kühn, wie die Frage, ob die dürren Gebeine wieder zum Leben kommen werden. (Ezechiel K. 37.) Mit dem Verluste des Vaterlandes, der Auflösung der stammlichen Organisation und der Zerstreuung über weite Gebiete stirbt die Nation und die Länder, in denen sie überall mehr oder minder der Willkür ausgeliefert ist, bedeuten ihre Gräber; so war es damals um Israel bestellt und die Klage der Exulanten: „Verdorrt sind unsere Gebeine und geschwunden ist unsere Hoffnung; wir sind verloren!" sehr berechtigt. Wie hätte auch ein verachtetes, ausgeplündertes Volk, dessen Angehörige in Erdhöhlen und Gefängnisgebäuden ein elendes Dasein gefristet, ein Auferstehen erwarten sollen? Es kam indess gegen alle Voraussetzung ganz anders. Der göttliche Geist brachte die zerstreuten Glieder einander nahe, versah sie mit neuen, gestaltenden Kräften und hauchte ihnen von allen Richtungen frisches Leben ein, so dass, als Gott die Gräber geöffnet, Israel ihnen als jugendliche Nation entsteigen und ins Heimatland zurückkehren konnte. In Folge der grundstürzenden Umwälzung gewannen, von dem ethischen Geiste der Religion durchdrungen, selbstlose