Mannheim
Compact Memory

Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1906-01-01 · 1 (1.1906) · p. Seite 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
18 (1906)
Issue
1 (1.1906)
Date
1906-01-01
Page
Seite 13 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9756662-9603423-9603424--1284-9603441
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

13 Die gegenwärtige Lage des Israelitenvolkes im Lichte seiner antiken Geschichte. Von Leopold Mandl. I. Wahrspruch : „Alles Vergangene kommt, wie es scheint in einer Art von Kreislauf der Zeiten, in mehr oder minder veränderter Gestalt wieder. Die alte Geschichte ist eine Art von Orakel zur Belehrung und Wahiung Derjenigen, deren Geschichte in tausend Jahren die alte sein wird: nur Schade, dass diese prophetische Stimme das Schicksal der Weissagungen der trojanischen Cassandra hat: man versteht sie nicht, weil man sie nicht verstehen will; man glauht ihr nicht, weil man keine Lust hat, ihr zu gehorchen." C. M. W i e 1 a n d. Als der Prophet Jecheskiel den Eindruck, den die Zerstörung Jerusalems und seines Heiligtums in Israel machen wird, im vorhinein zu schildern hatte, begann er mit einem tiefen Seufzer, und als man ihn daraufhin gefragt: Weswegen seufzest Du? gab er zur Antwort: „Ob der Nachricht, bei der, wenn sie kommt, jedes Herz zerfliegst, alle Hände schlaff werden, jeder Geist getrübt wird und alle Knie Angstschweiss triefen." (Ezechiel 21. 12, 13.) Schon um die Wirkung, welche die Kunde von der furchtbaren Katastrophe in der Ferne auf die Gemüter machen wird, durch Worte zu zeichnen, hatte der brillante Redner mit der Sprache zu ringen, diese selbst mit all ihren Schrecknissen darzustellen, hätte sich seine Beredsamkeit gewiss als unzulänglich erwiesen; solche Jammerszenen lassen sich eben nur in Bilder fassen, die wiederzugeben die menschliche Sprache zu arm ist. Wir stehen unter einem Eindrucke, auf dem die Worte des Propheten passen. Die Nachricht von dem grossen Unglücke, das über unsere Glaubensgenossen in Russland gekommen, hat ja bei allen human denkenden Menschen tiefe Betrübniss, lähmenden Schreck, Verstimmung und Seelenangst hervorrufen müssen; was jedoch während der kannibalischen Orgien stattgefunden, an und für sich schildern zu wollen, wäre vergebliches Beginnen. Für die Tatsache, dass Tyrannen mit Tiger- und Hyänenherzen durch einen vertierten Pöbel, den sie systematisch aufgehetzt, viele Tausende unschuldiger Israeliten bestialisch hingemordet, an Hunderttausend verwundet und verstümmelt und Unzählige all ihre*- Habe beraubt, ohne dass sich irgendwo in der zivilisierten Welt die Hand eines Machthabers erhoben hätte, um dem entsetzlichen Treiben der Henker und ihrer bluttriefenden Knechte Einhalt zu tun, lassen sich, wenn auch keine zureichenden, doch immerhin Worte finden für die Angst der Verfolgten, die qualvolle Erre-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.