Mannheim
Compact Memory

Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1906-01-01 · 1 (1.1906) · p. Seite 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
18 (1906)
Issue
1 (1.1906)
Date
1906-01-01
Page
Seite 12 (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/9756662-9603423-9603424--1283-9603440
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

12 ein Gross-Rabbiner in einer geheimen Versammlung „gehalten hat1* (!!), ist nichts als eine widerliche aus der Luft gegriffene Erfindung, aus einem Roman niedriger Gattung, der unter dem Titel: „Gaeta, Warschau, Düppel" in Berlin im Jahre 1868 erschienen ist. Der Verfasser dieses Romans ist der aus dem Prozess Waldeck wohlbekannte Zeuge Rechnungsrat Hermann Goedsche, welcher als Romanschriftsteller den Namen John Retcliff führte. In diesem Roman im ersten Bande befindet sich ein Kapitel „Auf dem Judenkirchhof in Pra g". Es wird dort der Verlauf eines erdichteten Sanhedrin geschildert, welches alle hundert Jahre einmal an dem Grabe des Rabbi Simeon Ben Jehuda in der Nacht stattfinden „soll". Nach dem Goedscheschen Roman hatten sich dort dreizehn Vertreter eingefunden, als — so heisst es in dem Roman — „der letzte Schlag der Mitternachtsstunde vom Turm her durch die Nacht zitterte und ein gespenstiger blauer Lichtschein aufflackerte, gleichsam aus dem Steinhaufen, dem Grabe des alten Kabbalisten umdämmerte, die um das Grab her kauerten". Die ganze Schilderung der geisterhaften Szene auf dem Prager Judenkirchhofe trägt den Stempel einer phantastischen Erfindung eines erhitzten, fanatischen Antisemiten an sich. Was in der „Antisemitischen Korrespondenz" als „Rede des Gross- Rabbiners" mitgeteilt wurde, ist nichts als ein ganz unvollständiger willkürlicher Auszug der Gespräche der erdichteten 13 Geistergestalten. Belauscht wurde diese Kirchhofsversammlung, so erzählt der Roman, von einem jüdischen Italiener Lasali und einem deutschen Gelehrten. Der erstere fasst, nachdem er das Gespräch gehört, den Entschluss, seine Stammesgenossen zu bekämpfen. Ihren Götzen, das goldene Kalb, will er in Trümmer schlagen mit der Armut und der Arbeit. Gegenüberstellen will er dem Gelde die soziale Demokratie. Hierin lag die Hauptbeziehung dieses sogenannten „historisch-politischen" Romans zu der damaligen von „Lassalle" geführten sozialdemokratischen Bewegung. Das war die Unterlage für das „Angebinde", das den Mitgliedern des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus gemacht worden war. Die antisemitische Presse hat trotz dieser authentischen Feststellung noch eine Zeit lang mit der Grossrabbiner- Rede gekrebst, bis diese allmählich aus ihren Spalten verschwunden ist. Der österreichischen Provinzpresse ist es vorbehalten geblieben» nachdem 15 Jahre ins Land gegangen, die Fälschung aufzuwärmen. Eine würdige Leistung an der Jahreswende!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.