Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 18 (1906)
- Issue
- 1 (1.1906)
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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10 werden kann, an die auch der frechste antisemitische Zweifel sich nicht heranwagen wird: Es war in der Stunde, in welcher der Präsident des Kreisgerichtse in Pisek, Ottokar v. Winter, der die Verhandlung gegen Hilsner geleitet hatte, auf Grund des Geschwornenverdikts das Todesurteil über Hilsner verkündet hatte. Der Saal hatte sich langsam geleert, nur einige Personen waren in demselben zurückgeblieben . . . Die stürmischen Slava-Rufe der durch das Todesurteil beglückten Menge drangen gedämpft in den Saal. Doktor Auredniczek, der Verteidiger Hilsners, sass bleichen Antlitzes auf seinem Sitze und versuchte mit zitternden Händen sein umfangreiches Aktenmaterial zu ordnen. Mit einemmal trat der Präsident v. Winter auf den Verteidiger zu, der überrascht aufblickte. Der Präsident, ein grosser, martialisch gebauter Mann, reichte dem Advokaten die Hand und drückte sie lange schweigend, dann aber konnte er seine Bewegung nicht meistern und mit bebender Stimme, Tränen in den Augen, rief er aus: „Herr Doktor, Sie sehen mich tief erschüttert. Ein Unschuldiger wurde zum Tode verurteilt!" Die erdichtete Grossrabbiner-Rede. Ein antisemitischer Schwindel. Antisemitische Provinzblätter berichten einen Artikel, betitelt: „Das politische Programm des Judentums" mit folgenden einleitenden Bemerkungen: „Im Jahre 1880 hat der englische Kabbiner John Readcliff eine Rede gehalten, deren Inhalt nicht bloss für die Juden selbst von erheblichem Interesse gewesen ist, sondern mehr noch die nichtjüdischen Kreise interessieren muss. Nachdem gerade gegenwärtig wieder mit Hochdruck daran gearbeitet wird, den jüdischen Einfluss zu verstärken, ist es vielleicht nicht unangebracht, an die Programmrede Readcliffs zu erinnern. Ein Vergleich dieses Programms mit der Art, wie sich das Judentum praktisch betätigt, wird jedermann den Beweis erbringen, dass die Juden mit anerkennenswertem Eifer und sichtlichem Erfolge an der Verwirklichung dieses Programms arbeiten. Wir geben die Rede John Readcliffs in Nachstellendem nach dem Wiener „Deutschen Volksblatt" wieder." Was für eine Bewandtnis hat es mit dieser Rede des „englischen Rabbiners John Readcliff-'?