Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 17 (1905)
- Issue
- 8/9 (August/September 1905)
- Date
- 1905-08-01
- Page
- Seite 36 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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36 Literatur sind. Dieser Litthauer also führte aus dem Talmud an, dass sogar Moses den Himmel nicht besteigen konnte, sondern nur die Höhe von zehn Handflächen unter dem Firmament erreicht hatte . . . Nun, geh' und streite mit einem Litthauer! Er wurde jedoch gefragt: „Wohin also doch verschwindet der Rabbi?" „Was geht das mich an?" gab er zur Antwort, die Achsel zuckend. Er fasste jedoch den Entschluss, diese geheimnisvolle Sache aufzuklären. Am selben Abend noch, gleich nach dem Abendgebete, schlich sich der Litthauer in das Zimmer des Rabbi, kroch unter das Bett und versteckte sich. Man muss die ganze Nacht durchwachen und erfahren, wohin verschwindet der Rabbi und was er tut während dieser Zeit; so dachte der Litthauer. Ein anderer würde vielleicht eingeschlafen sein und den Augenblick verpasst haben; der Litthauer aber fand ein Mittel, um den Schlaf zu verscheuchen: er lag da und murmelte leise einen ganzen Abschnitt des Talmud auswendig, ich kann mich nur nicht erinnern, war es „Chulin" oder „Nedarim". Bei Tagesanbruch vernahm er ein heftiges Klopfen: man weckte zu „Selichoth". Der Rabbi war schon längst erwacht; seit mehr als einer Stunde war das Aechzen des Rabbi hörbar . . . Wer jemals vernehmen konnte, wie der Rabbi von Nemirow ächzt, weiss, wieviel Leiden und Weltschmerz in jedem seiner Seufzer stecken . . . Das Herz bricht unter diesem Aechzen. Der Litthauer hat doch aber ein eisernes Herz: er lag da und hörte dem Aechzen zu. Auch der Rabbi lag noch im Bette Alsbald vernahm der Litthauer, wie in den benachbarten Zimmern die Betten zu knarren begannen .. . Bald hörte er auch Schritte in den Zimmern ertönen. Waschungen wurden vorgenommen, das kurze Morgengebet wurde verrichtet, die Türen wurden zugeschlagen. Endlich wurde alles still . . . Durch die verschlossenen Fenster drang der blasse Schimmer der Morgendämmerung . . . Und der Litthauer gestand nachher, dass, als wieder tiefe Stille eingekehrt war und er allein mit dem Rabbi im Zimmer blieb, er von einer unbestimmten Angst befallen wurde: die Haut hob sich ihm am Körper wie bei einer erschrockenen Gans und die Haarwurzeln an den Schläfen stachen wie Nadeln . . . Und ist es etwa eine Kleinigkeit: zur Selichoth-Zeit allein mit dem Rabbi in einem Zimmer zu bleiben! . . . Kanu man denn wissen, was sich ereignen kann! Wer plötzlich erscheinen wird! — Endlich stand der Rabbi auf. Er verrichtete anfangs alle vorgeschriebenen Gebete, trat nachher auf den Kleiderkasten zu und entnahm demselben ein