Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 17 (1905)
- Issue
- 6/7 (Juni/Juli 1905)
- Date
- 1905-06-01
- Page
- Seite 30 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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39 reiche Erlahrungen zeitigen. Die beiden anderen Mitglieder der Kommission, Wilbusch und Kaiser, haben fieilich ein weit weniger günstiges Gutachten abgegeben, Wien. (Dr. Lueger als-Berliner Zeitungsgründe r.) Auf der ausserordentlichen Hauptversammlung der sächsischen Reformpartei machte, so wird uns aus Dresden berichtet, der Delegierte Herrlein von der „Deutschen Wacht" die auffallende Mitteilung, dass der Wiener christlich-soziale Oberbürgermeister Dr. Lueger nebst seinen politischen Freunden vor drei oder vier Monaten die Absicht gehabt habe, die Berliner „Staatsbürger-Zeitung" anzukaufen und sie allmählich in das Fahrwasser der österreichischen Parteigenossen überzuleiten. Der Reichstagsabgeordnete Zimmermann bestätigte nach einem Referat der „Sächsischen Arbeiterzeitung", dass Lueger zu diesem Zwecke in Berlin gewesen sei. Die Sache habe sich aber zerschlagen und Lueger habe gedroht, nun ein eigenes Organ in Berlin zu gründen, das seine Richtung vertrete. Die „Staatsbürger-Zeitung" ist diesen Herren noch nicht antisemitisch genug, beklagte sich doch Herrlein darüber, dass in einem Propaganda-Artikel des Blattes nicht ein einziges Mal „Jude" oder „Judentum" vorkomme, Prag. Am 20. Mai vormittags wurde eine Deputation des konstituierenden Ausschusses des „Jüdischen Turnvereines in Prag" von Sr. Exzellenz dem Statthalter von Böhmen Grafen Coudenhove in Audienz empfangen. Die Abordnung bestand aus den Herren: JUDr. Teller als Sprecher, cand. ing. Lea Kornfeld und JUC. Artur Bergmann. Dr. Teller hielt an den Statthalter folgende Ansprache: ,Zu Beginn des laufenden Jahres hat sich in Prag ein jüdischer Turnverein konstituier. Den Gründern desselben schwebte die feststehende und allgemein bekannte Tatsache vor, dass den Juden die Mitgliedschaft in den tschechischen Vereinen zur faktischen, in dem deutschen Turnverbande zur moralischen Unmöglichkeit geworden ist, und sie beabsichtigen demnach, durch Gründung dieses neuen Turnvereins den jüdischen Bürgern und Studenten ohne Unterschied ihrer Mutter- und Umgangssprache die Möglichkeit zu bieten, um abseits eines jeglichen politischen Getriebes sich frei und unbehindert dem Turnsport widmen zu können." — Weiter überbrachte der Sprecher dem Landeschef die Einladung zu der am 11. Juni um 11 Uhr vormittags im Hause Elisabethstrasse 6 stattfindenden feierlichen Einweihung der Turnhalle durch Enthüllung eines Bildnisses Sr. Majestät des Kaisers. Se. Exzellenz erwiderte der Deputation folgendes: „Ich danke Ihnen, meine Herren, für Ihre liebenswürdige Einladung und für die Bekanntgabe der Konstituierung des Vereines. Es freut mich, dass Sie den Mannesstolz besitzen, sich von Vereinen, in welchen man Sie nichtmag, loszulösenundselbständigund ohnepolitische Fragen aufzuwerfen, sich sportlich bilden wollen. Ich danke nochmals und wünsche, dass Ihr Verein, wie es vorauszusetzen ist, prosperieren möge." Bezüglich der Einladung sagte Se. Exzellenz zu, dass er, wenn es seine Zeit gestatten werde, zur Einweihung kommen werde. St. Petersburg. (Die Judenhetze.) Aus Odessa wird berichtet: Der bekannte Antisemit K r u s e v a n ist an der Spitze einer Gesellschaft von Agitatoren hier eingetroffen, die das Volk zu Mord und Todschlag gegen die Juden auffordern. Die Furcht innerhalb der jüdischen Bevölkerung von Odessa ist unbeschreiblich. Zu Tausenden verlassen die Juden mit Fraueu und Kindern die Stadt. — Der Korrespondent der „Vossischen Zeitung" in Petersburg berichtet : Aus Odessa erhält Ihr Berichterstatter nachstehendes'Telegramm : Die Polizei bereitet eine Judenhetze vor. Der Gehilfe des Polizeimeisters Kisljanowski sagte zu den zurückgekehrten Kämpfern aus Port-Arthur, die um Unterstützung baten: „Nehmt euch von den Juden, bei ihnen findet ihr viel Gutes." Auf der Strasse hetzen Schutzleute ungeniert das niedere Volk gegen vorbeigehende Juden auf. Die Regierungsmitteilungen über die letzten Unruhen weisen systematisch auf die Juden als deren Urheber hin. Die Polizei verbreitet diese Auffassung nachdrücklich unter den 20,000 jetzt brotlosen Hafen-