Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 17 (1905)
- Issue
- 6/7 (Juni/Juli 1905)
- Date
- 1905-06-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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11 Als Alexander von Mazedonien auf seinem welterobernden Zuge nach Jerusalem kam, Hess er die Schriftgelehrten der Stadt vor sich erscheinen, um von ihnen die nach Afrika führenden Wege zu erkunden. — Es ist ein mühevoller Weg, der dorthin führt, sprach Abtaljon, der Aelteste. Du musst durch das Land der Finsternis ziehen, das voll ist der geheimnisvollen Gefahren. — So viel wussten auch meine Schriftgelehrten, sprach der König. Meine Soldaten werden die Gefahren überwinden. Saget mir nur, wie ich dorthin gelange. — Auf lybischen Eseln, lautete die Antwort; diese schreiten auch in der Finsternis sicher. Auch raten wir Euch, um den ersten Baum des Waldes das eine Ende einer Kette zu winden und die Kette nachzuschleppen, so werdet Ihr sicher den Eückweg finden. Dem König gefielen diese klugen Ratschläge und er Hess sich mit den Weisen Jerusalems noch in weitere Gespräche ein. — Weithin ist Euere Weisheit berühmt, sagte er. Ich habe Länder und Reiche mir unterworfen, meine Krieger haben unermessliche Schätze erbeutet. Ein weises Wort aber ist mehr wert, denn Gold und Silber. Darum lasset mich aus diesem Lande solche Beute nach Mazedonien heimbringen. Saget mir, was war zuerst in der Welt: das Licht oder die Finsternis? — Das Licht. — Woher wisst ihr dies? — Weil die Finsternis unmöglich der Zweck der Weltschöpfung sein konnte. — Wen nennt ihr einen Weisen? — Denjenigen, der in voraus die Folgen seiner Handlungen kennt? — Wen nennt ihr einen Starken? — Denjenigen, der seine Leidenschaften überwindet. — Und wen nennt ihr einen Reichen? — Denjenigen, der sich mit Wenigem begnügt. — Wie geniesst der Mensch das Leben am besten? — Wenn er sich an Entbehrungen gewöhnt. — Wer entbehrt, geniesst nicht. — Aber er leidet nicht, wenn er Mass hält und nach unerreichbaren Gütern kein Verlangen trägt. — Was beschleunigt den Tod des Menschen? — Die guten Tage. — Ich dächte, eher die schlechten. — Die schlechten Tage eifern ihn zu Kampf und Arbeit an, die guten Tage machen ihn träg, müde, kampfunfähig. Die Ermüdung aber ist des Todes Anfang. — Mit welchem Guten gewinnen wir die Menschen? — Wenn wir nicht über sie herrschen wollen.