Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 17 (1905)
- Issue
- 6/7 (Juni/Juli 1905)
- Date
- 1905-06-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9756662-9603194-9603347--1198-9603357- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
10 Niemand meldete sich. Aber ein feingekleideter Jüngling entfernte sich verstohlen und mit gesenktem Haupte vom Felde. Wer ist der Feigling? . . . Mitternacht war längst vorüber, aber Mirjam war noch wach. Sie war in inbrünstige Gebete zu Gott versunken, dass er dem tapferen Heere zum Siege über den Feind verhelfen möge. Da ward leise die Tür geöffnet. Mirjam wandte den Blick und gewahrte zu ihrem Schreck ihren Sohn Paltia. „Paltia, Du hier?" „Ja, Mutter!" „Und wo sind Deine Kameraden?" „Sie sind allesammt gegen die Römer ins Feld gezogen." „Und Du?„ „Ich fürchtete mich. Angst und Grauen bemächtigten sich meiner ..." Mirjam riss ihm das Schwert von der Seite und rief: „Fort, fort aus meinem Hause, Du hast den Namen Deines Volkes und Deiner Familie geschändet! Geh, geh! Dein Weg aber soll düster und finster se'n. Windestoben und Donnergetöse sollen Deine Begleiter sein! Der Erdboden soll unter Deinen Füssen beben und wanken. Dein Leben soll nie aufhören, doch soll es schlimmer und bitterer sein als der Tod. Unstät und flüchtig sollst Du sein; überall sollst Du Ruhe suchen, aber nirgends Ruhe finden!" Paltia, der ewige Jude : ist er nicht das Sinnbild des jüdischen Volkes? Der jugendliche Schriftsteller Peter Ujväri in Szedeg ist kein Gelehrter, wenigstens in seinem Buche nicht. Er ist Poet. Seine glühende Phantasie hat das Zauberreich der altjüdischen Sagenwelt durchstreift und aus derselben eine Anzahl von Legenden und Sagen geholt, die er nun in seinem Buche zu einem blühenden Strauss vereinigt. In einer poetisch-schönen, den alttestamentarischen Styl glücklich nachahmenden ungarischen Sprache geschrieben, lesen sich diese Sachen sehr angenehm. Aus ihnen mutet uns etwas wie die Seele des allzufrüh verstorbenen Emil Makai, dieses so liebenswürdigen ungarisch-jüdischen Dichters, an, von dem die neuere ungarische Literatur so viel Schönes erwarten durfte. Freilich Makai hat in herrlichen Versen gedichtet, Ujväri hingegen schreibt in schöner Prosa. Aber es wird nicht lange währen und auch Ujväri wird zur Leier greifen, wenn er es nicht schon getan hat. Das Gebiet, das er sich erkoren, ist unerschöpflich für die Dichter und Sänger aller Zeiten. Aus Ujväris Sammlung wählen wir eine Königs-Legende, die wir am liebsten voll mitteilen würden, weil sie reich ist an poetischen Schönheiten. Der uns zugemessene Raum legt uns jedoch Beschränkung auf und so können wir nur den folgenden Absatz reproduzieren, welcher jedoch auch für sich eine einheitliche Wirkung übt: