Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 17 (1905)
- Issue
- 6/7 (Juni/Juli 1905)
- Date
- 1905-06-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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9 Biographien wird man auch die Sagen nur mit Genuss lesen können. Wir greifen aus der Reihe derselben diejenige heraus, die den Titel „Der ewige Jude" führt. Wir wählen diese Legende, weil der Verfasser sie in einer Lesart wiedergibt, welche von der in der christlichen Sagenwelt adoptierten wesentlich abweicht. Im Nachfolgenden skizziren wir die Sage: Todesstille herrschte in der Gottesstadt. Nebel und ITinsternis bedeckten die Strassen und Marktplätze Jerusalems. Die Häuser und Paläste der stolzen jüdischen Hauptstadt warer leer und von ihren Bewohnern verlassen. Die Furcht vor den Römern erfüllte alle Gemüter. Die Römer! Den armen Juden erstarrte das Blut in den Adern, so sie diesen Namen hörten. In einem Gemache eines prunkvollen Palastes der oberen Stadt ruhte auf einem kostbaren egyptischen Divan die wegen ihrer Schönheit und ihres Reichtums allbekannte Mirjam. Sie sass still, in Gedanken versunken und wandte die Blicke nicht von einem Schwerte ab, das sie schon seit mehreren Minuten in ihrer feinen, zarten Hand hielt. Ihr zu Füssen sass ihr zwanzigjähriger, bildhübscher Sohn. „Paltia!" sprach die Mutter, ohne ihr Auge von dem Schwerte wegzuwenden. „Du wünschest, Mutter?" „Paltia, mein einzig Kind, merke auf meine Worte. Heute hatte ich eine Unterredung mit dem Hohenpriester Elieser ben Chananja. Er teilte mir mit, dass Tausende der besten und edelsten Söhne unseres Vaterlandes bereit seien, gegen die Römer ins Feld zu ziehen. Sie haben einen Eid geschworen, ihr Volk und ihr Vaterland zu retten oder auf dem Felde der Ehre zu sterben. Ich habe dem Hohenpriester sogleich hunderttausend Goldschekel zur Verfügung gestellt und bin entschlossen, für die Rettung unseres unglücklichen Vaterlandes Alles hinzuopfern, was ich besitze, ja auch Dich, mein einzig Kind. Auch Du sollst in den Kampf ziehen!" „Auch ich?" fragte Paltia. „Und Sulamith?" „An Sulamith darfst Du jetzt nicht denken. Jetzt, wo aus Jerusalem die Freude gewichen, darfst Du nicht den Regungen Deines Herzens, das an Sulamith hängt, folgen. Nimm das Schwert Deines heldenmütigen Vaters und hilf das Vaterland retten!u Auf der grossen Ebene am Fusse des Libanon hatten zwanzigtausend jüdische Jünglinge Aufstellung genommen, um für das Vaterland zu kämpfen und kämpfend zu siegen oder unterzugehen. Auf einer Anhöhe stand einer der Aeltesten des Volkes und rief mit lauter Stimme nach mosaischem Gesetze: „Wer ein neues Haus gebaut und es noch nicht eingeweiht hat, wer einen Weinberg gepflanzt und ihn noch nicht gelest hat; wer sich einer Frau verlobt und sie noch nicht heimgeführt hat: der kehre zurück!