Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 17 (1905)
- Issue
- 6/7 (Juni/Juli 1905)
- Date
- 1905-06-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 geistige Höhe und die geschichtliche Grösse des „auserwählten Volkes" verträgt sich sehr wohl das Gefühl der Brüderlichkeit allen anderen Nationen gegenüber. Wess Standes Herr Albert Katz ist: wir wissen es nicht. Aus seinen biographischen Charakterbildern, die sich sämmtlich auf jüdische Schriftgelehrte alter Zeit beziehen, und aus seinem Vorworte schöpfen wir die Vermutung, dass er Rabbiner oder jüdischer Religionslehrer ist. Er wendet sich mit seinem Buche offenbar nicht an das Judentum allein, sondern an alle gebildeten, vorurteilsfreien Menschen. Das talmudische Schrifttum muss, wenn es richtig gewürdigt werden soll, als eine Art Encyklopädie nicht bloss der Religionswissenschaft, sondern der Wissenschaft des jüdischen Volkes überhaupt angesehen werden, als ein Sammelwerk, das die Resultate der gesamten Geistesarbeit eines Volkes enthält, dessen Lehrer und Führer mitten im Leben standen und für die sozialen und politischen Bewegungen ihrer Zeit Sinn und Verständniss bekundeten. Nur bei solcher Auffassung ist es möglich, den aus dem talmudischen Schrifttum zu uns redenden jüdischen Volksgeist zu verstehen und für manche scheinbare Widersprüche zwischen Lehre und Leben die richtige Lösung zu finden. Um aber das talmudische Schrifttum ohne Voreingenommenheit beurteilen zu können, ist es notwendig, dessen Urheber, die Zeit, in der sie gelebt und gewirkt, sowie die Beziehungen, die zwischen ihnen und den Völkern, mit welchen sie in Berührung kamen, geherrscht haben, näher kennen zu lernen. Diesem Zwecke sollen die biographischen Charakterbilder Albert Katz' dienen. Er führt zwölf der hervorragendsten Lehrer und Führer des jüdischen Volkes vor, die zum Teile vor der christlichen Aera gelebt, zum Teile das Auftreten Jesu und der Apostel miterlebt haben. Sie alle waren Zeugen der grossen Umwälzung, die Israel seiner staatlichen Selbständigkeit beraubte. Die zwölf Charakterbilder sind : Hillel, Schammai, Gamliel l.y Jochanne ben Sakkai, Elieser ben Hyrkanos, Josua ben Chananja, Chanina ben Rossa, Gamliel IL, Ismael ben Elisa, Akiba ben Joseph, Mair und Simon ben Jochai. Die zwölf Biographien, die der Verfasser in seinem Buche bietet, sind die Lebensbilder von zwölf Weisen, Lehrern und Gesetz-. gebern ihres Volkes, die als höchstes Ziel des Lebens die Erforschung der Lehre Gottes betrachteten und, den Zerfall des jüdischen Staatswesens mit prophetischem Blick voraussehend, darauf bedacht waren, das jüdische Volk für die Zukunft zu retten, indem sie ihm einen Gottesglauben und Gesetze gaben, welche auf die Jahrtausende hinaus eine feste Grundlage des religiösen und sittlichen Lebens Israels bilden und zugleich ein unzerreissbares Band sind, das alle Mitglieder des jüdischen Volkes umschlingt. Den zwölf Charakterbildern hängt Herr Katz eine Anzahl von Sagen aus der so reichen jüdischen Mythenwelt an. Wie die