Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 17 (1905)
- Issue
- 6/7 (Juni/Juli 1905)
- Date
- 1905-06-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Ungerechtigkeit gegen die Juden, gegen Menschen, die nichts verbrochen haben, als dass sie den Glauben nicht wie ein paar Handschuhe wechseln wollen. Aber die neue Misshandlung der Juden hätte noch eine weitere Folge. Allenthalben, wo nicht der krasse Antisemitismus das natürliche Rechtsgefühl abgestumpft hat, würden die gesitteten Kreise einig sein, dass eine Eegierung, die auf Vaterlandsliebe und Tapferkeit mit Entrechtung antwortet, ein Hohn auf die Zivilisation ist, dass ein Staat, der eine solche Politik sanktioniert, weder Achtung noch finanzielle Unterstützung verdient. Wer immer Empfindung für Gerechtigkeit hat, würde sich gedrungen fühlen, jede weitere Aufforderung des Zarenreiches an den europäischen Geldmarkt ebenso energisch zurückzuweisen, wie nachhaltig zu bekämpfen. Was Kuropatkin von den Tartaren im Felde sagt, das gilt auch von den russischen Juden im gewerblichen und bürgerlichen Leben. Wo sie sich vergangen haben, da bilden sie die Ausnahme und es ist weder billig noch christlich, eine Gesamtheit für die Vergehen Einzelner büssen zu lassen. Am wenigsten billig oder christlich ist ein solches Verhalten, wenn der niedrige Kulturstand eines grossen Teils der russischen Juden nichts ist als die Schuld einer falschen Gesetzgebung und engherzigen Verwaltung. Und schliesslich, stehen die sechs Millionen russischer Juden in der Kultur wirklich tiefer als hundert Millionen russischer Christen? * * * Die geplante Ausschliessung der Juden von der Volksvertretung hat die Einberufung einer ausserordentlichen allgemeinen Versammlung der Petersburger Gemeinde am 16. Juni in der dortigen Synagoge veranlasst. Der Vorsitzende der Versammlung Baron H. Günzburg eröffnete die Versammlung mit dem Hinweise auf das Gerücht einer Ausschliessung der Juden von der Volksvertretung und forderte die Anwesenden auf, sich darüber auszusprechen. Die Redner entwickelten einer nach dem anderen ihre Ansicht über die unermesslich schwere Erniedrigung, die den Juden durch eine solche Bestimmung zugefügt würde; sie fanden, dass in einer Periode des Volkslebens in Russland, wie wir sie jetzt erleben, alle, die ein Gefühl für Ehre und Würde haben, ihre tiefe Empörung und ihren Protest gegen eine so aussergewöhnliche, unberechtigte Beraubung der natürlichen Rechte eines Bürgers aussprechen mussten. Nach lebhaftem Meinungsaustausch wurde eine Resolution angenommen, in der erklärt wird, dass eine solche Beschränkung der Rechte eine „b e i s p i el 1 o s e Verletzung der elementaren Gerechtigkeit gegenüber einer 6 Millionen starken Bevölkerungsklasse bedeute, die doch eng mit dem ganzen Leben des Landes verknüpft sei und in gleichem Masse wie alle übrigen alle Lasten und Verpflichtungen trage.-' In der Voraussicht, dass eine Beschränkung der Rechte unter der