Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 17 (1905)
- Issue
- 6/7 (Juni/Juli 1905)
- Date
- 1905-06-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 ihrer Schuldigkeit nicht zurückgestanden hatte, die Gleichberechtigung im staatlichen Leben für die Folgezeit nicht schnöde vorzuenthalten. In Russland scheinen die augenblicklichen Staatslenker dieses Gefühl der Dankbarkeit, diese Anstandspflicht nicht zu kennen. Ist doch vor einigen Tagen bekannt geworden, dass der Verfassungsentwurf Bulygins die Juden vom aktiven und passiven Wahlrecht für die Volksvertretung ausschliesst! Zwar sind im Uebrigen die Verfassung und diese Volksvertretung noch geheimnisvoll, wie das verschleierte Bild zu Sais. Da der Zar versichert hat, auch die neue Ordnung solle auf den alten „russischen Grundsätzen" beruhen, so ist es nicht unwahrscheinlich, dass der Absolutismus nur mit einem zeitweiligen Scheinparlament verbrämt werden soll, dass dieser Körperschaft höchstens eine beratende, nicht eine beschliessende Stimme zugedacht ist. Doch wie dem auch sei, selbst zu dieser „Volksvertretung" sollen die Juden, wenn es nach Herrn Bulygin geht, weder Zutritt erhalten, noch wählen dürfen. Die Juden sollen Heloten, sollen Parias sein. Man wird zweifeln können, ob dieser Vorschlag mehr brutal oder unvernünftig ist. Brutal ist es, Tausende und Zehntausende in den Kampf gegen einen mächtigen Gegner zu führen, die höchsten Anforderungen an ihre Vaterlandsliebe zu stellen und ihnen gleichzeitig kund zu tun, dass ihnen das Vaterland nach ihrer Rückkehr mit politischer Rechtlosigkeit lohnen werde. Und unvernünftig ist es, solche Ansichten zu verraten in einem Augenblick, wo vielleicht der Ausgang der nächsten Entscheidungsschlacht von dem Verhalten dieser Zehntausende abhängt. Der Geist ist es, der im Kriege Wunder anrichtet. Die Japaner haben sich bisher als unüberwindlich gezeigt, weil sie wissen, wofür sie kämpfen. Wofür kämpfen die Russen? Und wofür sollen die russischen Juden kämpfen, wenn sie bedenken, was ihrer in der Heimat harrt? Sie werden dennoch ihre Pflicht tun, wie sie im Kriege gegen die Türkei getan haben; aber ist es nicht ebenso roh wie frivol, in dem Zeitpunkt, wo sie ihr Leben einsetzen, ihnen zuzurufen, dass sie srut genug sind als Kanonenfutter, nicht aber als Wähler oder Volksvertreter? Hinter Herrn Bulygin steht nicht die öffentliche Meinung, soweit man in Russland von öffentlicher Meinung reden kann. Der wüste Judenhass wurzelt nicht im Volke, sondern nur in einzelnen Gewalthabern, die es für nützlich halten, von Zeit zu Zeit die Unzufriedenheit und die E bi:terung, die sich mit Fug gegen sie richten könnte, auf unschuldige, wehrlose Opfer abzulenken. Eine ganze Reihe furchtbarer Judenmassakres ist erweislich von hohen Beamten angestiftet worden. Die niedrigsten Leidenschaften wurden künstlich und planmässig angestachelt; Gegensätze, die nicht bestanden, wurden geflissentlich geschaffen und verschärft, von gewissenlosen Staatsmännern und ihren willfährigen