Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 17 (1905)
- Issue
- 5 (5.1905)
- Date
- 1905-05-01
- Page
- Seite 45 (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
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45 Versündigung gegen biblisches Gebot zu betrachten (Tractat Sabbath 128 und Kaba-Mezia 32). Das alles fruchtet nicht; in die Bibel wird hineingelogen und aus dem Talmud herausgelogen, dass die Juden Tierquäler sind. So weit ist es mit dem Wahrheitssinne in gewissen Schichten der Verbildeten gekommen, und es wird viel, viel weiter kommen, wenn mit dem, was die Veredelung des Gemüts und des Innenlebens bedingt, nicht bald Ernst gemacht wird Nur wenn entschlossene Hingabe an die zentrale religiöse Wahrheit in enger Verbindung mit der Achtung des spezifisch Menschlichen in- und ausserhalb der Person, inmitten der Bildungsbestrebungen als vornehmstes Ziel der Jugenderziehung betrachtet und beharrlich angestrebt wird, kann hier Wandel geschaffen werden. Aufhellung des Geistes erheischt eine entsprechende Aufhellung des Gemütes; wo das. nicht der Fall ist, verelendet das Gewissen und schwindet der Wahrheitssinn. Anstatt das einzusehen, glauben fromme Leute ihrer Religion zu dienen, indem sie eine menschenfeindliche Bewegung begünstigen, die zum Lügen, Lästern und Heucheln einladet. Wie die Behandlung der Schächtfrage schon jetzt zeigt, waltet kein Zweifel, dass sie sich Schlangen in den Busen genommen haben. Es wird so lange nicht dauern, dass die in Tierschutzheuchelei arbeitenden Individuen, die gegenwärtig von einem christlichen Schlachten und gleichzeitig von einem zur göttlichen Offenbarung gestempelten Pentateuch reden, Nachfolger finden, die, auf das mosaische Schächtgebot hinweisend, von einem zur Offenbarung gestempelten Pentateuch als Grundlage des Christentums reden und ihre Religion verhöhnen werden! Man wird noch darauf kommen, wie sehr der gottselige Erzbischof von Bamberg, Eminenz Josef v. Schoek, Recht gehabt, als er auf die Frage, ob er auch Antisemit sei, geantwortet: „Nein, und zwar aus drei Gründen: Erstens bin ich Mensch und darf als solcher nicht hassen, zweitens bin ich Christ und muss als solcher meine Nächsten lieben, und drittens bin ich überzeugt, dass dieser Schlamm des Antisemitismus auch noch unsere heilige Kirche bespritzen wird." Wenn man von einem Schlamme des Antisemitismus reden darf, ist es die frivole Behandlung der Schächtfrage. Die frommen Regisseure der antisemitischen Bewegung dürfen von den Leuten, die den niederösterreichischen Landtag so herrlich bedient haben, blühende Freuden erhoffen. Man hat schon neben den Gutachten der famosen jüdischen Schriftgelehrten, nach denen das Schächten nicht biblisch ist, auch, und zwar ganz überflüssiger Weise, erlogene Argumente für seinen mosaischen Ursprung am Lager, mit denen wieder andere bedient werden.