Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 17 (1905)
- Issue
- 5 (5.1905)
- Date
- 1905-05-01
- Page
- Seite 24 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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■24 „Das Bewusstsein erlischt beim Schächten lange vor dem Eintritt des Todes, weil die unmittelbar nach dem Schnitt beginnende Anämie der Grosshirnriude, des Sitzes der bewussten seelischen Vorgänge, insbesondere aller Schmerzempfindungen, eine tiefe Ohnmacht herbeiführt. Kein Teil des Körpers erweist sich gegen eine Abnahme seiner Blutfülle so empfindlich wie die graue Substanz der Grosshirnhemisphären. Manche Menschen werden schon während eines Aderlasses ohnmächtig, d. h. ihr Bewusstsein erlischt infolge der relativ geringen Abnahme des Blutdruckes und Blutgehaltes ihres Gehirns. Wie lange nach dem Schächtschnitt die, wie ich bemerke, nach 5 Sekunden schon verminderte Empfindlichkeit noch anhält, lässt sich nicht genau angeben, weil die Schlachttiere, wie ich fand, sich sehr verschieden verhalten."--- „Da von vielen Seiten immer wieder behauptet wird, das Schächten sei wegen des durch den Schnitt ohne vorherige Betäubung verursachten Schmerzes eine Tierquälerei, so ist es nicht überflüssig, durch Tatsachen noch besonders zu beweisen, dass jenes Schmerzgefühl nur von sehr kurzer Dauer sein kann. Zunächst eine vor Kurzem von mir gemachte Selbstbeobachtung: Ich litt an Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, Arbeitsunlust, allgemeiner Schwäche infolge einQs sehr grossen Karbunkels, welcher sich auf dem Rücken entwickelt hatte. Befreundete Aerzte rieten zur Inzision. Ich lehnte die Narkose ab und ertrug ohne Zuckung den ausserordentlichen Schmerz, welchen die beiden Schnitte verursachten. Der eine war 6, der andere 8 Zentimeter lau-?, die Tiefe je 3 bis 4 Zentimeter. Als aber unmittelbar nach Beendigung der Operation der Schmerz noch zuzunehmen schien, versagte die Widerstandskraft des durch das vorhergegangene Fieber geschwächten Nervensystems und ich versank zum erstenmal in meinem Leben in eine tiefe Ohnmacht. Hiebei ist nun merkwürdig, dass ich mich ganz genau erinnere, noch vor dem Schwinden des Selbstbewusstseins überhaupt gar keinen Schmerz mehr empfunden zu haben. Ich sagte noch bei voller Besinnung: „Es wird mir schwarz vor den Augen, bitte legen Sie mir den Kopf tief", und während ich diese Worte sprach, nahm der intensive Schmerz ab — ich wusste bis dahin nicht, dass es einen so heftigen Schmerz gibt — und erlosch gänzlich, während ich noch die Augen auf- und zumachte und dachte: „wie unbeschreiblich angenehm ist doch das Aufhören des Schmerzgefühls", dann erweiterten sich die Pupillen, wie einer der anwesenden Aerzte konstatierte, und das Bewusstsein schwand völlig. Als ich erwachte, sagte ich sogleich: „Es war aber sehr schön, als der Schmerz aufhörte". Das beweist die Klarheit der Erinnerung an den Augenblick des Beginnens der Synkope, also der Anämie des Gehirns, und wenn auch der brennende Schmerz der grossen Wunde beim Erwachen sich wieder einstellte, so wird doch davon die Tatsache nicht berührt, dass während des Eintrittes