Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 17 (1905)
- Issue
- 5 (5.1905)
- Date
- 1905-05-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 weil sie um 4 Uhr nachmittags in einem entfernten Dorfe bei einem Mühlenbesitzer vorgesprochen und dort um einen Dienstposten ersucht hatte. Mit Zimet, Vater und Sohn, konfrontiert, musste das Mädchen auch zugestehen, dass sie die Beiden nicht kenne. Schuhe und Umhängtuch des Mädchens wurden vom Totengräber auf dem christlichen Friedhofe in Zmigrod aufgefunden. Wir haben sofort einen eingehenden Bericht an das Justizministerium erstattet und 24 Stunden später wurden die verhafteten Juden aus der Haft entlassen. Es ist nun interessant, was die antisemitischen Blätter aus diesem gerichtlich festgestellten Tatbestande gemacht haben. Sie berichteten, dass ein Schulmädchen in einen jüdischen Krämerladen geschickt wurde, um Einkäufe zu besorgen, und dass die im Laden anwesenden Juden das Mädchen in eine entlegene Stube zerrten, wo sie es splitternackt auszogen, wuschen und dann in einen Keller einsperrten. Sie erzählten ferner, dass die Kleider des Mädchens auf jüdischem Grund vergraben,aufgefunden wurden. Es ist klar, dass man es hier entweder mit dem Phantasiegebilde eines hysterischen Mädchens zu tun hat oder dass das Kind von dritten Personen zu diesen Beschuldigungen gegen die Juden angestiftet worden sei. Wir haben dem Jasloer Advokaten Dr. Steinhaus den Auftrag gegeben, nach formellen Abschluss der Untersuchung gegen das Mädchen die Verleumdungsklage anzustrengen, damit auf diese Weise die Urheber dieser nichtswürdigen Beschuldigungen entdeckt werden, Frrner haben wir an das Justizministerium das Ersuchen gerichtet, durch die Staatsanwaltschaft in Jaslo die lügnerischen Darstellungen der antisemitischen Blätter amtlich berichtigen zu lassen. Dieser Auftrag ist erteilt worden. (Beifall.) Der Vorfall von Zmigrod hat in ganz Galizien grosse Erregung hervorgerufen und sein Verlauf beweist neuerdings, wie notwendig es ist, in jedem einzelnen Falle, wo die abgeschmackte Blutbeschuldigung gegen die Juden erhoben wird, mit aller Raschheit und Energie den tatsächlichen Sachverhalt am Orte selbst festzustellen und zur Kenntnis der massgebenden Behörden zu bringen. Eine Spezialität Galiziens ist bekanntlich die Entführung minderjähriger jüdischer Mädchen in katholische Klöster. Anlässlich der Affäre Araten hat der Minister für Galizien, Dr. Pientak, den merkwürdigen Ausspruch getan, dass vor den Klosterpforten die Staatsgewalt aufhöre. Seither hat allerdings infolge des energischen und konsequenten Einschreitens unseres Rechtsschutzbureaus die Praxis platzgegriffen, dass die Entführer strafgerichtlich verfolgt wurden, allein in die Klöster selbst reichte die Macht der staatlichen Organe nicht. Vor wenigen Wochen ist auch nun nach dieser Richtung ein entscheidender Erfolg erzielt worden : Am 3. November 1904 wurde die elfjährige Chana Nass von einer Frau Zabierzowska aus dem Elternhause in Dembica