Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 17 (1905)
- Issue
- 5 (5.1905)
- Date
- 1905-05-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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s Dr. Lueger jüngst in einer christlich-sozialen Versammlung über die Lösung der Judenfrage hielt. „Ich gehöre", sagte Dr. Lueger, „nicht zu den absoluten Judenfressern, aber ich gehöre zu jenen, welche sagen: wenn die Juden unter uns leben wollen, dann müssen sie sich der in der Stadt herrschenden Partei unterordnen." Dem gegenüber erklären wir immer wieder mit aller Bestimmtheit, dass wir die Berechtigung einer Parteiherrschaft niemals anerkennen werden, welche die verfassungsmässige Gleichberechtigung verleugnet und die Juden zu Staatsbürgern zweiter Klasse herabdrücken will. Wir haben dies dem christlich-sozialen Bürgermeister auch mit aller Deutlichkeit in jenem offenen Schreiben gesagt, mit welchem wir im Dezember v. 0. seine Aufforderang zur wirtschaftlichen Boykottierung der Juden beantworteten. In diesem Schreiben hiess es: „Würde die von Ihnen propagierte Absonderung der Christen von den Juden zur Wahrheit werden, dann würden dies allerdings die mittleren und unteren Schichten der jüdischen Bevölkerung schwer empfinden, es würden aber auch Tausende von christlichen Gewerbetreibenden, Privatbeamten, Lehrern, Handlungsgehilfen, Arbeitern und Dienstboten, die von Juden und bei Juden Beschäftigung finden, ihres Erwerbes verlustig gehen. Zu innig verbunden ist die Tätigkeit und Tüchtigkeit der jüdischen Bevölkerung Wiens mit der allgemeinen ökonomischen Entwicklung dieser Stadt, als dass sie auf das Geheiss eines wenn auch noch so machtbewussten Bürgermeisters aus derselben ausgeschaltet werden könnte." Während so in der Reichshauptstadt die wirtschaftliche Boykottierung der Juden als Mittel zum Zwecke der Anerkennung der christlich-sozialen Parteiherrschaft proklamiert wurde, betrieben die Rassenantisemiten in der Provinz diese Boykottierung als Selbstzweck. Mehr und mehr hat sich im abgelaufenen Vereinsjahre unser Rechtsschutzbureau mit dem Kampfe gegen diesen wirtschaftlichen Antisemitismus befassen müssen. Aus den Landstädten häuften sich die Klagen unserer Glaubensgenossen, dass der durch die judenfeindliche Gesetzgebung der letzten Jahre ohnehin über die Massen erschwerte Existenzkampf durch die Aufforderung der Provinzpresse, bei Juden nicht zu kaufen, mit Juden keine Geschäfte zu machen, sich immer schwieliger gestalte. Diese Aufforderungen sind einige Zeit hindurch infolge der Einschränkung des Konfiskationspraxis unter dem Ministerium Koerber unbeanstandet geblieben, bis unser Rechtsschutzbureau gegen die Duldung solcher Aufreizungen energisch einschritt. Wir haben zunächst bei einer ganzen Reihe von Staatsanwaltschaften die Strafanzeige gegen die betreffenden Blätter wegen Vergehens nach § 302 Str.-G. erstattet und in jenen Fällen, wo die Staatsanwaltschaften erklärten, keinen Grund zum Einschreiten zu finden, die Beschwerde beim k. k. Justizministerium erhoben. Durch dieses beharrliche Vorgehen haben wir namentlich in der Provinz eine 1*