Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 17 (1905)
- Issue
- 5 (5.1905)
- Date
- 1905-05-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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unseren deutschen Glaubensgenossen jene Opferwilligkeit an den Tag legen, welche sich aus der Tatsache ergibt, dass der „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" in kürzester Zeit sein Vermögen von 40.000 auf 80.000 Mark erhöht sah. (Beifall.) Hierauf werden, da von einer Verlesung des Protokolls der vorjährigen Generalversammlung Abstand genommen wird, behufs Vornahme der auf der Tagesordnung stehenden Wahlen der zur Auslosung gelangten Herren Sigmund Mayer, kaiserl. Rat Wilhelm A n n i n g e r und Jakob J a i t e 1 e s, die Herren Ehrlich und Fuchs zu Skrutatoren ernannt und die Verhandlung auf einige Minuten unterbrochen (Pause). Sodann schreitet der Vorsitzende zum zweiten Punkte der Tagesordnung und erteilt Herrn Sekretär Siegfried Fleischer das Wort zur Erstattung des Rechenschaftsberichtes. Sekretär Fleischer liest: Geehrte Generalversammlung! Weltgeschichtliche Ereignisse haben dem abgelaufenen Jahre ihre dauernden Spuren eingeprägt. Während im fernen Osten die Macht und das Ansehen jenes Riesenreiches erschüttert wurde, in welchem die Unterdrückung und langsame Aushungerung der Juden geradezu ein Regierungsprinzip bildet, hat in unserem Vaterlande die jahrzehntelang andauernde nationale und konfessionelle Verhetzung zu einer Lahmlegung fast aller politischen und wirtschaftlichen Kräfte, ja sogar zur ernsten Gefährdung der staatsrechtlichen Grundlagen der Monarchie geführt. Getreu ihrem Grundsatze, für alle Uebel dieser Welt ausschliesslich die Juden verantwortlich zu machen, haben die Antisemiten klerikaler und nationaler Couleur auch die Niederlagen Russlands und die inneren Wirren Oesterreich - Ungarns den angeblichen Wühlereien des internationalen Judentums zugeschrieben. Aber sie konnten damit nicht einmal mehr die ungebildete Menge täuschen. In de,! breiten Massen des Volkes regt sich die Ahnung und in den Kreisen der Intelligenz dringt die Erkenntnis durch, dass ein Staat Selbstmord begeht, wenn er Hunderttausende seiner treuesten, arbeitsamsten und opferwilligsten Bürger rechtlos zu machen und aus dem Strome des wirtschaftlichen Strebens auszuschalten sucht. Selbst die Führer der Christlich-Sozialen haben, wenn auch widerwillig und zögernd, diese Wahrheit anerkennen müssen. Schon vor mehr als Jahresfrist hat der Abgeordnete Dr. Pattai in einem Neujahrsaitikel des „Deutschen Volksblatt" seinen Gesinnungsgenossen vorgehalten, dass sie „das Judentum überhaupt nicht vernichten werden", sondern sich damit begnügen müssen, den Juden zum Bewusstsein zu bringen, dass sie die Minderheit sind und dass sie sich daher den Gesetzen der christlichen Mehrheit zu fügen hätten. Dem gleichen Gedankengange begegnen wir in einer Rede, die