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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1905-04-01 · 4 (4.1905) · p. Seite 36

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
17 (1905)
Issue
4 (4.1905)
Date
1905-04-01
Page
Seite 36 (sequence 36)
Language
German
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3H die Juden ihres Glaubens halber in den verschiedeneu Zweigen der Staats¬ und Konimunüverwaltung, im Zivil- und Heeresdienst erleiden. Besonders ins Auge gefasst ist hiebei auch eine aktenmässige Peststellung des Ausschlusses jüdischer Bürger vom Schoflen- und Geschwornendienste. Der Verband plant für den Oktober 1905 eine öffentliche Hauptversammlung. Berlin. (Offizielle Judenhatz.) Das „Berliner Tageblatt' meldet, da3s in zahlreichen Städten, in Odessa. Schatomir, Balta, und anderen Orten Aufrufe verbreitet worden seien, i denen zum gewalttätigen Vorgehen gegen die Juden aufgefordert werde. In den Aufrufen wird behauptet, dass die „Unordnung" in Russlaud durch die Juden angezettelt worden sei. Die jüdischen Rufe: „Nieder mit der Selbstherrschaft!" müssten mit dem Rufe: „Nieder mit den Juden!-' erwidert werden. Die eigentlichen Blutsauger des Volkes seien die Juden, Armenier, Polen, Grusier u. s. w. Der Aufruf, der namens eines augeblichen Vereins der Nationalisten, der 297.000 Mitglieder zähle, verbreitet worden ist, schliesst mit der Aufforderung: „Nieder mit den Judeu und Fremden!" „Nieder mit der Verfass,^Ag, es lebe unser Väterchen Zar!" Die gebildeten Schichten der betreffenden Städte hatten sich an die Staatsbehörde um Schutz gewandt. Es sei ihnen jedoch nirgends ein festes Verspreche! zum Einschreiten gegeben worden. Es scheine also eine generelle Anweisung der Zentralgewalt vorzuliegen, diese Hetze gegen die Juden zu begünstigen. Es handelt sich also nur um einen neuen Versuch der reaktionären Gewalten, den Ingrimm des Volkes von der Regierung abzuwenden und gegen die Juden und fremden Volksstämme zu entfachen. In Tiflis ist dieser teuflische Anschlag der Regierung ja leider gelungen. Ob er im übrigen Russland Erfolg haben wird, ist dagegen sehr zu bezweifeln. KODltZ, Hier ist wieder einmal ein kleines „Ritualmord"-Märchen aufgetaucht, das auch sogleich von Vielen geglaubt wurde. Bis zur Stunde hat eben in weiten Kreisen unseres Ortes weder das Gutachten, das die höchste Medizinalbehörde Preussens in der bekannten Winter'schen Affäre abgab, etwas genützt, noch der Hohn der ganzen gebildeten Welt, mit dem anlässlich dieser Affäre die „Ritualmord"-Gläubigen so überreichlich bedacht worden sind. Hier braucht nur gelegentlich ein christlicher junger Mann in Gesellschaft einiger jüdischer Altersgenossinnen gesehen zu werden, und flugs ist der Verdacht des beabsichtigten „Ritualmordes" fertig, worauf dann, ehe man es sich versieht, das Volk in Aufruhr und die Juden in Gefahr sind. Das bewies das jüngste Geschehnis: Am vorigen Sonntag sassen drei jüdische Kommis, von denen einer bei dem Kantor der Synagogengemeinde in Pension ist, beim Glase Bier in einer Konditorei. Ein bekannter christlicher Oberprimaner gesellte sich zu ihnen. Die erst bezeichneten Drei beschlossen, am Abend in der Wohnung des Kantors, welcher mit seiner Frau ausgehen wollte, Skat zu spielen. Der Primaner bat, mit von der Partie sein zu dürfen, was die Andern nicht ausschlagen mochten. Eine Einwohnerin des Hauses (am Markt), die Frau eines Barbiers, die den christlichen Primaner in die Wohnung des jüdischen Kantors gehen sah, hatte nichts Eiligeres zu tun, als mit der Alarmnachricht zu seinen Eltern rzu senden:: ihr Sohn sei in Gefahr, „ritualgemordet" zu werden. Der Bruder des Betreöenden eilte sofort nach dem bezeichneten Hause, fand aber verschlossene Türen. Er ging zurück und erzählte das Vorkommnis auf dem Markte. Bald hatte er eine Korona um sich und nunmehr verbreitete sich mit Windeseile die Schreckensnachricht, ein christlicher Primaner werde in der Wohnung des Schlächters gemordet. Auch die Eltern des vermeintlichen Opfers kamen herbei; sie trafen unterwegs den Kantor und seine Frau, welche, nichts ahnend, den Auflauf vor ihrem Hause bemerkten. Als der Frau unter Schreien erzählt wurde, was dort in ihrer Wohnung vorgegangen sei, schloss sie dieselbe eilends auf und sah die vier Skatspieler in voller Tätigkeit bei den Karten. Sie fragte den Primaner, den sie nicht kannte, ob er der Gesuchte sei, was dieser entschieden verneinte, natürlich nur um ungestört weiterspielen zu können. Die Frau Kantor eilte wieder auf die Strasse und erklärte, der

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