Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 17 (1905)
- Issue
- 4 (4.1905)
- Date
- 1905-04-01
- Page
- Seite 25 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9756662-9603194-9603253--1119-9603278- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
25 (Auf neuhochdeutsch): Ich sprech, dass man vor allem Ding Die allergrösste Schweinsmutter Dring' Darunter sie sich schmiegen all Saug' jeder eine Zitze mit Schall; Der Messias lieg' unterm Schwanz! Was ihr (d. h. der Schweinsmutter) entfall, das soll er ganz Zusammen in ein Säcklein binden Und dann dasselbe zu einem Mal verschlingen.) Wenn man auch zugibt, dass der „Judenmessias" dem christlichen Denken als die Inkarnation des in der Bibel geweissagten Antichrists erschien, so ist doch die hier mitgeteilte Verhöhnung der jüdischen religiösen Hoffnungen eine so überaus unflätige, dass man sich dadurch nur angewidert fühlen kann. Viel harmloser ist ein anderes „Fastnachtsspiel", das ein sogenanntes „Gottesgericht" zum Gegenstand hat Dieses Gottesgericht baut sich auf dem Glauben der Bekenner der jüdischen und christlichen Religion auf, dass die Nennung des Gottesnamens Wunder wirke. Der Jude zieht nun aus dem Umstände, dass das Wort „Jesus" ohne Folgen ausgesprochen werden kann, die Folgerung, dass Jesus unmöglich Gott sein könne. Wenn er den Namen seines Gottes nennen werde, müsse derjenige, der ihn hört, sterben. Er will das an einem Ochsen (!) beweisen. Das Tier wird gebracht, der Jude sagt ihm etwas ins Ohr, worauf der Ochs tot niederfällt. Der Christ bestreitet es, dass der Jude den Namen Gottes genannt habe, sondern den des Teufels, worauf das Tier allerdings sterben musste. Schliesslich meint er, dass der Name seines Gottes noch weit wirksamer wäre, denn mit diesem Namen wolle er den Ochsen wieder lebendig machen. Und, o Wunder, das gelingt richtig. Alle Juden werden durch diese Tat überzeugt. Dieses Gottesgericht möge ein Beispiel für die Art und die Mittel sein, mit denen damals der Religionsstreit geführt wurde. Auch der bekannte Dichter Fiscnart greift zu recht merkwürdigen Mitteln, um an den Juden sein Mütchen zu kühlen. So erzählt er eine Historie, die einer Jüdin zu Binzwangen, vier Meilen von Augsburg, passiert sei. Zu Binzwangen wurde eine Jüdin schwanger, und nach der gewöhnlichen Frist gebar sie zwei Schweine, von denen das eine sofort nach der Geburt, das andere eine Stunde darnach starb. Man glaube aber ja nicht, dass diese Wundergeschichte auf einem Zufall beruhe, denn wäre schon das Weib erschrocken, so wäre doch keine Sau der ganze Leib; es wäre doch wenigstens ein Glied nach Menschenart, oder es wären doch nicht gleich zwei Schweine gewesen. Dies Wunder hat Gott aber geschickt, um Juden und Christen zu warnen, vom säuischen Leben zu lassen und uns Gottes würdig zu erweisen. Des Dichters Absicht ist also die, aus dieser Geschichte eine Warnung für die Christen und Juden zu ziehen, für die Christen, ein nüchternes Leben zu führen, für die Juden, das Ereignis als Strafe Gottes zu nehmen dafür, dass sie den Messias nicht anerkennen.