Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 17 (1905)
- Issue
- 4 (4.1905)
- Date
- 1905-04-01
- Page
- Seite 22 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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22 Baccalaureus, wenn er dem Mephistopheles deduziert: „Des Menschen Leben lebt im Blut". Von der Frage ausgehend: Was empfindet der Mensch während des Sterbens, was duldet und leidet er in den Tagen, Stunden, Augenblicken, die wir als seine letzten bezeichnen? hat der Vortragende Herr Professor Dr. Nothnagel die verschiedenen Todesarten einer eingehenden Betrachtung unterzogen und dabei unter anderem gesagt; „Wenn der Tod durch Verbluten herbeigeführt wird, vollzieht sich der Uebergang vom Leben gleichfalls ohne physisches Leid." Mit dem Hinströmen des Blutes entrinnen in den roten Blutkörperchen unzählbare Träger des Sauerstoffes, das heisst des Elementes, welches das Leben und die Erregbarkeit des Nervensystems ermöglicht. Letztere nimmt immer mehr ab: wie aus weiter Ferne dringen Schalleindrücke an das Ohr, das Gesichtsfeld verdunkelt sich, behagliche Lässigkeit, schliesslich völliger Bewusstseinsverlust umfängt sanft den Geist, und so entschlummert der Verblutende ohne Schmerz. Treten etwa vor dem Ende noch krampfhafte Zuckungen ein, so können diese wohl die Umstehenden erschrecken, der Sterbende selbst fühlt nichts von ihnen. Mit der Erklärung des von Goethe einer Figur seiner Faustdichtung in den Mund gelegten Lehrsatzes hat der Gelehrte die ursprüngliche bessere Form, die Worte Moses: „Denn das Leben alles Fleisches ist sein lebendiges Blut", unbewusst aufs Beste beleuchtet. An Moses hat der Redner während seiner Ausführungen so wenig gedacht, wie an den Mann im Monde und von dem biblischen Schächtverbote hat ihm sicher weder früher, noch nachher geträumt und dennoch hat er durch seine getreue Schilderung des menschlichen Sterbens durch langsames Verbluten indirekt einem tiefen Einblicke in das Sterben der Tiere durch sehr rasche Verblutung das klarste Licht geliefert. Ohne zu beabsichtigen oder nur zu ahnen, hat er gezeigt, dass Moses, in was immer seine Motive gewurzelt haben mögen, sowohl mit seinen Aeusserungen über die Natur des Blutes, als auch mit der Anordnung der Tiere, durch Herbeiführung rascher Verblutung zu töten, das Richtige getroffen hat. Die Bedeutung des Herzens als Hauptteil des Organismus, Zentralpunkt des Lebens, Ort, wo alle Wirkungen geistiger Ailektionen lebhaft empfundt-n werden, und Sitz des Begehrungsvermögens und der Gefühle, war den Weisen des Israelitenvolkes schon in uralter Zeit bekannt. Das ist aus vielen Aeusserungen der heiligen Schrift ersichtlich, geht jedoch aus dem Spruche des weisen Salomo: „Mehr denn alles Behütungswerte bewahre dein Herz, denn von ihm her sind die Ausgangspunkte des Lebens", am deutlichsten hervor. Wieso aber und warum es ein Zentral^rgan für die physischen und geistigen Lebens Verrichtungen bildet, weiss man sich erst durch die spät erlangten modernwissen-