Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 17 (1905)
- Issue
- 4 (4.1905)
- Date
- 1905-04-01
- Page
- Seite 21 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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21 Kein vernünftiger Mensch wird bestreiten, dass Moses ein überaus genialer, klardenkender, sehr gottergebener und selbstloser Mann gewesen. Ebensowenig lässt sich in Abrede stellen, dass er den Quellen des in mancher Hinsicht sehr fortgeschrittenen Wissens seiner Zeit den höchsten Priesterschulen Egyptens vermöge seiner Erziehung nahe gestanden und auch aus ihnen geschöpft hat. Und dieser Mann, der, die Tiere betreffend, ein überaus reges werktätiges Wohlwollen in jeder Hinsicht aufs glänzendste bekundet hat, dieser sehr energische Mann Moses soll in nächster Nähe des die Bundeslade bergenden Heiligtums Tierfrevel geduldet oder nicht gedacht haben, dass man den Ochsen die Schädel zertrümmern könnte?! Gewiss hat er, wie an vieles, auf das sich die Welt erst nach Jahrtausenden besonnen, auch an das Naheliegende gedacht und in dem Schächtverfahren keinen Tierfrevel, sondern eine milde Tötungsart erblickt und die moderne Wissenschaft gibt ihm Recht. Vor einigen Jahren hat ein berühmter Kliniker in Wien über den düsteren, ergreifenden Schlussakt des Menschenlebens, über das Sterben, einen sehr lichtvollen Vortrag gehalten, in dem er unter anderem von der Herztätigkeit als Lebensbedingung und über die Bedeutung des Blutes für den Organismus Folgendes gesagt hat: „Auf welchen Wegen immer die Schädigung und der Stillstand des Herzens zustande kommt, dieser ist es fast stets, welcher eigentlich das Ende des Lebens bedingt. In der ungeheuren Mehrzahl erfolgt der Tod vom Herzen aus ganz gleich, ob die zum Tode führende Erkrankung eine akute oder chronische ist, ob das Herz von Anfang an direkt beteiligt oder erst sekundär in Mitleidenschaft gezogen wird, ob es am Abschlüsse eines langen Daseins müde seine treue, gleichmässige Arbeit einstellt oder inmitten blühender Jugend durch eine zufällige auf den Körper einwirkende Gewalt jäh in seiner Schlagfolge gehemmt wird." Wir können also sagen: Der Mensch stirbt fast immer vom Herzen^aus. Solange dieses in der Brust sich zusammenzieht, und sei es noch so schwach, noch so mühsam, solange lebt der Mensch, der letzte Herzschlag — und erst dann ist alles unwiederbringlich zu Ende. In welcher Weise aber bedingt das Aufhören der Herztätigkeitrdas Aufhören des Lebens? Alle Lebensvorgänge im tierischen und menschlichen Organismus, wie immer in ihrer Aeusserungsweise sie sich darstellen, sind unlöslich an chemische Umsetzungen im Protoplasma der Zellen gebunden. Diese Umsetzungen können sich nur unter Zufuhr von Sauerstoff vollziehen. Der Sauerstoff, welchen wir mit der Einatmung aufnehmen, wird sämtlichen Organen, Geweben und Zellen durch das Blut zugeführt. Das Blut wiederum wird im wesentlichen durch die Herzpumpe in Bewegung erhalten — und so erklärt es sich, dass mit dem Aufhören der Herzarbeit das Leben erlöschen muss; und recht hat in diesem Sinne der