Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 17 (1905)
- Issue
- 4 (4.1905)
- Date
- 1905-04-01
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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15 Wurzel greift und den Oflenbarungsglauben zu erschüttern sucht, anstatt dass er froh sein sollte, dass die hervorragendsten Fachmänner eine angefochtene alttestamentarische Einrichtung human gefunden, dieselbe als Tierquälerei und Marter bezeichnet. Vom Herrn Seitz, dem selbst das Glockengeläute als Marter gilt, war die Anwendung dieses Ausdruckes auf das Schächten konsequent, vom Herrn Pater Scheicher gebraucht war er ein gegen den Ast, auf dem er sitzt, geführter Axthieb. Ganz entgegengesetzt war die Auffassung des katholischen Pfarrers Dr. Frank, der den Gegenstand wirklich nach Erfahrung, Wissen und Gewissen geprüft hat. In seinem dem Petitionsausschusse der bayerischen Volksvertretung erstatteten Berichte sagte er unter anderem: „Nach alldem bin ich fest überzeugt, dass das Schächten nimmermehr als religiöses Gebot für die Juden eingeführt worden wäre, wenn dasselbe eine Tierquälerei enthielte." Da die ganze Art und Weise der Behandlung unserer Sache einen psychologischen Erklärungsgrund erheischt, müssen wir versuchen, einen solchen zu bieten. Das dem Gottesgedanken nächstliegende und durch ihn sanktionierte Moralitätsprinzip ist die Achtung des spezifisch Menschlichen in und um uns. Darauf gründen sich Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit, Nächstenliebe und alle Tugenden. Insoweit als diese sittliche Basis erschüttert ist oder itfeerhaupt fehlt, fassen die verschiedensten Untugenden, nach Massgabe der sich bietenden Anlässe und der Arten der an den Menschen herantretenden Versuchungen ihre Wurzeln. Alles, was, obgleich dieser Grundlage entbehrend, noch moralische Färbung hat, entstammt keiner inneren moralischen Gesinnung, sondern ist blosse Legalität des Handelns, die auf irgend einem zufälligen Interesse oder auf dem Respekte vor der Staatsgewalt oder der öffentlichen Meinung fusst. Trifft es sich nun, dass eine Gesellschaft eine Menschenklasse für so minderwertig hältr dass sie das spezifisch Menschliche in ihr missachtet und .sie einem von Verachtung getragenen Hasse preiszugeben sucht, wie das zum Beispiel seitens der indischen Arier den Cjudras gegenüber der Fall gewesen, kommt ihr, die Angefeindeten betreffend, jeder Sinn für Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und Einsicht allmählich abhanden, so dass sie diesbezüglich zwischen Recht und Unrecht am Ende so wenig zu unterscheiden weiss, wie der Farbenblinde zwischen gewissen Farben. Wer wollte behaupten, dass die Juden nicht recht achtenswerte oder gar schlechte Menschen gewesen, aber den Cudras gegenüber, welche sie zu Parias gemacht haben, war ihr Verhalten nicht menschlich. Darin spiegelt sich die Natur der antisemitischen Gesinnung. Es darf demnach bei aller Wertschätzung der sonstigen Eigenheiten sehr vieler von ihr beherrschten Personen keine ihr