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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1905-04-01 · 4 (4.1905) · p. Seite 6

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
17 (1905)
Issue
4 (4.1905)
Date
1905-04-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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6 Die Mohammedaner wissen am besten, was mohammedanisch-, die Katholiken, was katholisch-, und die Protestanten, was protestantisch-religiös ist. Darum glaubt man es ihnen rückhaltlos, niemand kehrt sich daran, dass Einzelne unter ihnen den Koran; die Bibel oder die Schriften der Kirchenväter eigenartig auslegen. Nur den Juden will man nicht glauben, was religiöse Satzung des Judentums ist, die wissen das selbst nicht, sonst müssten es auch die Ungläubigen unter ihnen und die ihnen beigezählten Renegaten für wahr halten. Die Herren von der antisemitischen Vereinigung wissen das besser als alle frommen Juden, und der Herr Landesausschuss v. Pirko, der sogar das jüdische Religionsgesetz an der Hand so zuverlässiger Wegweiser studiert hat, weiss viel besser, was als religiöse Satzung der Juden zu gelten hat, als es die frommen Rabbiner aller Zeiten und alle religiösen Schriftgelehrten der gegenwärtigen Judenheit je wissen konnten. Wie sehr und wie mit Recht würden sich die Herren entrüsten, wenn Jemand beantragen würde, dass die Dogmen der katholischen Religion nur unter den Gesichtspunkten der Vertreter der „Los von Rom"-Bewegung zu beurteilen und zu respektieren seien. Ist die Behandlung, die man der religiösen Seite der Schächtangelegenheit angedeihen Hess, besser oder gerechter? Gewiss nicht! Jetzt sind wir auf dem Punkte, wo es wirklich schwer fällt, die seelische Erregtheit zu meistern. Wir wollen aber die Sache leidenschaftslos und geduldig behandeln, wie der Arzt eine Krankheit, denn dahinter steckt ein Seelenübel. Ans Kurieren ist hier wohl nicht zu denken, schaden dürfte es indes gewiss nicht, wenn darüber Klarheit geschaffen wird. In Anbetracht des Vorgebrachten begreift man schwer, wie der Herr Referent v. Pirko in dem Motivenberichte beteuern konnte, dass die Beurteilung der Schächtfrage vom Landesausschusse mit vollster Objektivität erfolgt und dass ihm jede konfessionell-politische Tendenz ferne gelegen sei. Noch weniger begreiflich ist das, wenn man erwägt, dass in dem vorwiegend aus erklärten Antisemiten zusammengesetzten Landesausschusse die Meinung seines geistlichen Mitgliedes Herrn Doktor Scheicher in solchen Dingen schwer ins Gewicht fällt. Wie tief die konfessionell-politische Gehässigkeit in dem Gemüte dieses Mannes wurzelt, zeigt am besten sein anlässlich der Verhandlung über die Schächtfrage im Landtage gemachter Ausruf: „Man sehe sich nur einmal den Friedhof der Stadt Wien an! Dort haben sich die Juden, als die Liberalen am Ruder waren, die besten und bequemsten Plätze ausgesucht!" Wer als Priester einer Religion der Liebe seinen Judenhass nicht einmal angesichts des Todes bemeistert und noch denen, die in der Erde verwesen, die, man weiss nicht auf welche Art, be-

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