Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 17 (1905)
- Issue
- 3 (3.1905)
- Date
- 1905-03-01
- Page
- Seite 27 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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27 „Trotzdem ich fast 18 Jahre dem Heere aktiv und in der Reserve angehörte und weder mein Mut noch meine Liebe zum Vaterlande angezweifelt weiden konnte, ist das Verhalten des Kriegsministers Grund dafür gewesen, jetzt meinen Abschied zu erbitten." Die antisemitische Presse versah diese Erklärung mit nichtsnutzigen Glossen. Besonders ein antisemitisches „Witz"blatt in München nahm den Mund sehr voll und machte sich über den „Mut" und die „Vaterlandsliebe" der jüdischen Soldaten, Offiziere und Stabsärzte lustig und sprach seine Befriedigung darüber aus, dass die „gekränkte koschere Leberwurst" zum Platzen kam. Zum Schluss hiess es: ein jüdischer Frechling weniger in der Armee: das erzeugt in jeder echten deutschen Brust ein freudigeres Bewusstsein, als wenn es heissen würde, dass ein jüdischer Stabsarzt mehr das deutsche Heer verschandelt. Dr. S. Lachmann stellte nach dem „Vorwärts" gegen den verantwortlichen Redakteur Beleidigungsklage, die jetzt mit dessen Verurteilung zu 50 Mark Geldstrafe oder zehn Tagen Gefängnis endigte. St. Petersburg. (Hetzereien gegen Polen und Juden.) Die reaktionäre Partei sucht den Russen beizubringen, dass die Polen, von den Juden gestützt, die Lostrennung von Russland vorbereiten; die Intelligenz hingegen sieht in Polen und Juden ihre natürlichen Bundesgenossen. Es scheint möglich und sogar wahrscheinlich, dass die Regierung den durch den Krieg schwer verletzten Patriotismus der Russen in der ihr nützlich scheinenden Weise gegen Polen und Juden aufzureizen suchen wird. Darauf deuten die Hetzereien in den reaktionären Organen hin. Die innere Lage erinnert sehr an 1830, wo zu alledem die Cholera, wie heute, von Süden einbrach und weite Gebiete verheerte. _ St. PeteFSDUra. (Die Judenhetze in F e o d o s s i a.) Es ist notorisch und nach Informationen aus erster Quelle bekannt, dass der Judenkrawall, der in Feodossia stattgefunden hat, von der Polizei hervorgerufen wurde. Feodossia ist eine unbedeutende Stadt mit 30.000 Einwohnern. Die Hauptrolle spielen die Karaiter, wogegen die Juden (die sogenannten „Rabbiniten") einen winzigen Haufen darstellen. Lauter arme Kaufieute und Handwerker. Die Not der jüdischen Bevölkerung ist so gross, dass sie eine Art Besteuerung untereinander eingeführt hat, so dass die Bemittelteren die Last der Armen tragen müssen. Obwohl die Karaiter mit den Juden nichts gemein haben, werden letztere von der christlichen Bevölkerung gehasst, und zwar aus dem Grunde, weil die Karaiter die Reichsten und Mächtigsten in der Gegend sind. Besonders schüren den Judenhass der Stadthauptmann Romanowsky und ein reicher christlicher Buchdrucker Kossenko. Trotz der humanen Verwaltung des Simferopoler Gouverneurs Trepow (eines Verwandten des Diktators von Petersburg) ist der Judenhass immer latent. Diesen Zustand hat die Polizei auch benützt, als am 20. v. M. in Feodossia der Streik der Arbeiter begann. Kaum versammelten sich die Streikenden auf dem Stadtplatz, auf der Hauptstrasse, der Kaljemskaja, als jemand ein Signal gab und der Menge zurief: „Haut die Juden!" Im Nu war der Pöbel elektrisiert. Ein Judenmassakre begann. 50 Menschen sind lebensgefährlich verletzt worden. Die Panik ist eine ungeheure. Zahl»eiche Familien haben bereits die Stadt verlassen. Man befürchtet, dass die Polizei den alten Kunstgriff, den in den Achtziger-Jahren Ignatiew und in den letzten zwei Jahren Plehwe anwendeten, nämlich die „Ablenkung" der Volksgärung auf die Juden, wieder einmal in Schwung bringen werde. Es passt dies zur Politik Trepows und der Kreatur Sergius' Bulygin.