Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 17 (1905)
- Issue
- 3 (3.1905)
- Date
- 1905-03-01
- Page
- Seite 18 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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18 und französischen oder englischen Volksgenossen, deren Kultur sie in sich aufgenommen haben, nun auch gewissermassen physisch anschliessen möchten, in ihnen aufgehen und jede Erinnerung an ihre jüdische Abstammung vergessen möchten. Sie werden grausam gewahr, dass Blut doch mehr ist als Wasser und es gebührt ihnen, dass sie dessen gewahr werden. Denn das ist eben der letzte Rest jener Ghettoerniedrigimg, dass der aus der Niedrigkeit aufsteigende Jude glaubt, der deutsche, der französische, der englische Volksgenosse sei in anthropologischem Sinne etwas Vornehmeres als er, gehöre einer höheren Rasse an. Den ganzen Rassenstandpunkt hat sich der Jude überhaupt erst durch die antisemitische Bewegung aufdrängen lassen, während gerade er zuvor auf dem Standpunkte gestanden ist, dass alle Menschen gleich, alle Menschen Gottes Kinder sind. Wenn aber der Rassenstandpunkt einmal akzeptiert werden soll, wer hätte dann ein Recht, mit grösserem Stolz auf den uralten Adel seiner Abstammung zurückzublicken? Der Jude, der auf dieses Erbteil, seinen Ahnenstolz verzichtet, hat es sich selber zuzuschreiben, wenn er Demütigungen erlebt. Nach dieser Abschweifung, zu der mich die Auseinandersetzung mit den zionistischen Europamüden gezwungen bat, kehren wir zurück zu der Frage, wie unseren Brüdern im Osten geholfen werden kann. Neben dem Kampfe um die äussere Kultur, neben dem Anschlüsse an die Freiheitspartei, ist die Hebung derinneren Kultur am notwendigsten. Ich frage die hier anwesenden Anhänger des gesetzestreuen Judentums, ob es ihre religiösen Gefühle und ihre Gesetzestreue auch nur im Allermindesten geschädigt hat, wenn sie sich im Uebrigen aller Kulturmittel der Völker, unter denen sie leben, bemächtigt haben. Und da die Antwort ganz selbstverständlich ist, so wird auch die Folgerung zulässig sein, dass der Bann, in dem die osteuropäischen Wunderrabbinen und Ultraorthodoxen ihre Anhänger erhalten, gebrochen werden muss, dass unbeschadet der Religion, die ja in der Tat Privatsache jedes Einzelnen ist, die Tore geöffnet werden müssen für die moderne Bildung und Kultur, vor allem aber für die wirtschaftliche Tüchtigkeit. Und da wir Juden an dem Uebel leiden, dass wir durch mehr als tausend Jahre in die Städte gedrängt und auf städtische Berufe angewiesen worden sind, so wünsche ich uns nichts sehnlicher, als die Bluterneuerung, die wir erst erfahren können, wenn wir uns wieder in Massen dem Gewerbe unserer Väter, der Landwirtschaft, zuwenden. Man sagt, der Städter wird nicht leicht wieder zum Landwirt. Das ist gewiss wahr und ebenso wahr ist, dass der einzelne Jude, der es versuchen würde, in irgend eine Dorfgemeinschaft einzutreten und dort sein Land zu bebauen, sehr bald von seinen christlichen Dorfgenossen hinausgeekelt werden würde. Darum muss die Sache gleich gründlicher angefasst werden. Es ist eine unserer wichtigsten Aufgaben und ich lege