Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 17 (1905)
- Issue
- 3 (3.1905)
- Date
- 1905-03-01
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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17 Hunderten von Familien. Wie es aber uns verächtlich vorkommt, wenn ein Reicher und Gebildeter seine armen und ungebildeten Verwandten nicht kennen will, so wäre es geradezu schändlich, wenn die wohlsituierten Juden Englands, Deutschlands, Frankreichs und Amerikas, die allen Segnungen einer freien Gesetzgebung schon seit Jahrzehnten {eilhaft sind, wenn sie ihre im Elend lebenden Familienmitglieder im Osten vergessen wollten. Aber was können sie für sie tun? Sie können sie unterstützen in der Kulturarbeit. Kulturarbeit ist im Osten eine doppelte, eine innere und eine äussere; die äussere muss die Vorbedingungen schaffen. Ohne eine Abänderung des russischen und rumänischen Regierungssystems kann an eine Erleichterung des Judenloses überhaupt nicht gedacht werden. Es ist also die Pflicht und das Recht jedes Juden, jene Parteien zu unterstützen, die mit allen Mitteln, auch den verzweifeltsten, an dem Umstürze des jetzt bestehenden ruchlosen Systems arbeiten. Man wird behaupten, dass die Juden, wenn sie sich jetzt in die Reihen der Freiheitskämpfer begeben, keinen Dank davon haben würden. Das ist nicht wahr. Ich habe schon jVtzt in Russland überall die Wahrnehmung gemacht, dass man die Juden als Mitkämpfer begrüsst, und dass die grosse Freiheitsbewegung Dank der Selbstaufopferung der Juden, freilich auch Dank der Schandtaten der russischen Polizei, auch eine judenfreundliche geworden ist. Man wird mich daran erinnern, dass auch die Revolution von 1848 eine judentreundliche gewesen sei und dass wir heute doch in ganz Europa den Antisemitismus wieder hätten, dass also auch die Juden in Russland, wenn sie selbst jetzt mit dem Einsätze ihres Lebens helfen, die Autokratie zu sjtürzen und den konstitutionellen Staat zu errichten, in dreissig Jahren nicht weiter halten würden wie wir jetzt. Nun meine Herren! Ich wünsche den Juden in Russland nichts Besseres, als dass sie in dreissig Jahren so weit halten mögen, wie wir jetzt halten. Ich unterschätze gewiss nicht die moralischen und wirtschaftlichen Leiden, die dem Einzelnen von uns aus der neu erwachten oder schon nicht mehr neuen antisemitischen Strömung bei uns erwachsen können. Aber seien wir doch nicht ungerecht! Erkennen wir doch an, wie unendlich Vieles besser geworden ist seit den Märztagen des Jahres 1848. Verargen wir auch den Völkern, unter denen wir leben, nicht, wenn sie den Einbruch eines in Folge seiner bisherigen Abschliessung ihnen fremden Elementes nicht ohne eine gewisse Reaktion erduldet haben. Das sind Verdauungsschwierigkeiten, die sich überall einstellen und die einen ganzen Volkskörper ebenso ergreifen können wie den Organismus des Einzelnen. Es gibt in unseren Ländern viel schwerere Probleme als das Judenproblem, viel drückendere Fragen als die Judenfrage und es wäre geradezu ein Verbrechen, es wäre mehr, es wäre ein Fehler, wenn wir Juden das nicht anerkennen wollten. Gewiss spielen sich Tragödien ab in den Seelen Derjenigen, die mit aller Inbrunst sich an ihre deutschen