Mannheim
Compact Memory

Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1905-03-01 · 3 (3.1905) · p. Seite 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
17 (1905)
Issue
3 (3.1905)
Date
1905-03-01
Page
Seite 16 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9756662-9603194-9603220--1077-9603236
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

16 und so ist es gar kein Wunder, dass unter den elenden Juden des Ostens, trotz ihrer Orthodoxie, die sie gegen alle Versuchungen schützen sollte, infolge der grenzenlosen Armut alle Uebel des Elends eingedrungen sind, selbst bis zur Erschütterung der uralten jüdischen Familiensittlichkeit. Gewiss ist es nur das Beispiel der verlotterten nichtjüdischen Umgebung, die auch die sittlichen Anschauungen der Juden erschüttert; es ist aber ebenso gewiss, dass ohne das furchtbare wirtschaftliche Elend die Zersetzung der Familien doch nicht soweit führen würde, als es leider in Galizien der Fall ist, dass höchstens hie und da, wie aller Orten, ein paar Familien aus Uebermut sich der Sittenlosigkeit der Uebrigen anschliessen würden, wie das in jeder grossen Stadt der Fall ist. Es bedarf gar keines Wortes darüber, was die Erschütterung der jüdischen Familiensittlichkeit bedeutet. Erfahrungsgemäss ist jedes einzelne Individuum, das der Sittenlosigkeit verfällt, ein wahrer Ansteckungsherd für jede Art moralischer Verkommenheit. Wenn aber die Juden sich bisher überhaupt unter all den Drangsalierungen erhalten konnten, so verdanken sie das nur der strengen Familienzucht, die nun gerade dort ins Schwanken kommen soll, wo man sich damit brüstet, dass man die Vorschriften der jüdischen Religion am strengsten befolge. Wie ist aber zu helfen? Ich habe in meiner Heimat im Westen so oft das Wort gehört: „Was gehen uns „die" dort an?'' Ein schnöderes Wort kenne ich überhaupt nicht. Wo sich eine Gelegenheit fand, habe ich darauf hingewiesen, -dass jene von uns Westlern in ihrer Tracht und in ihrer Sprechweise so tief verachteten Ostjuden in ihrer Tracht und in ihrer Sprache nichts anderes konservieren als die Tracht und Sprache des mitteldeutschen Bürgertums im 13. und 14. Jahrhundert, dass also die in ihrer Verwahrlosung so schrecklichen Erscheinungen im Kaftan nichts anderes sind als die Abbilder unserer eigenen Väter, die vor fünf und sechs Jahrhunderten unter der Verfolgung der Kreuzzügler die Heimat an den Ufern des Rheins und des Mains verlassen haben. Es ist auch vergeblich, dass der im Glücke lebende Westjude jede Gemeinschaft mit dem Elendsjuden des Ostens von sich abschütteln will. Es gibt Leute genug, die immer wieder an diese Verwandtschaft erinnern. Ich, meine Herren, bin kein Zionist, ich spreche nicht vom jüdischen Volke, von der jüdischen Nation, ich spreche aber von der jüdischen Familie. Nicht ein Volk, nicht eine Nation sind wir, wohl aber eine Familie. Eine Familie gleicher Abstammung, mit gleichen Erinnerungen und gleichen Leiden, wenn es anch einzelnen Gliedern der Familie gelungen ist, sich in die Höhe zu arbeiten und im Glänze zu stehen, während andere im Schatten des Elends bleiben müssen. Mitglieder einer Familie können den verschiedensten Völkern angehören, ohne dass sie in ihrem Patriotismus beeinträchtigt werden. Das zeigt uns der Adel, der doch geradezu ein Patent auf den Patriotismus hat, in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.