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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1905-03-01 · 3 (3.1905) · p. Seite 15

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
17 (1905)
Issue
3 (3.1905)
Date
1905-03-01
Page
Seite 15 (sequence 15)
Language
German
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15 diesen beiden Ländern der Rechtlosigkeit, obgleich in jenem Lande die Gleichheit der Rechte bereits existiert. Dieses dritte Land ist Gr a 1 i z i e n. Auch dort hat gewiss die Judennot ihre tiefsten Ursachen in der Schandwirtschaft der regierenden Klasse, in der wirtschaftlichen, moralischen und intellektuellen Zurückgebliebenheit des ganzen Kronlandes Galizien selbst. Aber wir dürfen uns doch nicht darüber täuschen, dass in den inneren Zuständen der Juden gleichfalls eine Ursache und eine der Hauptursachen der wirtschaftlichen Untüchtigkeit dieses jüdischen Elementes gesucht werden muss. Ich habe für diese inneren Ursachen din Bezeichnung das „innere Ghetto" gewählt. Es ist ja vielleicht überflüssig, in diesen Kreisen besonders zu schildern, mit welcher Geflissentlichkeit der Ostjude von dem Verkehre mit dem Volke, unter dem er lebt, fernegehalten wird, dass es auch unter den Juden eine Bureaukratie gibt, die ein Interesse daran hat, zu verhindern, dass der Jude auch der inneren Freizügigkeit teilhaftig wird. Ich nenne nur die Einrichtung der Wunderrabinen, die ja gleichfalls ihre Rente beziehen von der geistigen Unmündigkeit, dem Aberglauben und dem Terrorismus, unter dem sie ihre Glaubensgenossen erhalten. Es ist gewiss, dass diese Wunderrabbinen auch manches Gute wirken, noch sicherer aber ist, dass sie ein wahres Kulturhindernis sind. Ich habe in diesen Tagen in einem Roman von Miriam Harry eine interessante Aeusserung gelesen: Ein christlicher Gelehrter war mit den Juden in Palästina gut Freund geworden und suchte ihnen nun beizubringen, dass sie sich doch des Landes ihrer Väter bemächtigen und es bebauen sollten. Von da an traf er nur auf Feindseligkeit in ihren Reihen und endlich gab ihm Einer die Antwort: „Wir sind nicht hieher gekommen, um zu leben, sondern um zu sterben." An dieses Wort habe ich oft denken müssen, wenn ich die Massregeln überdacht habe, mit denen das Judentum des Ostens sich selber umspinnt, um jede Berührung mit der umgebenden Welt zu verhüten. Ich begreife es ganz gut, dass Jemand in unbefriedigtem Idealismus von der Welt scheiden will, dass er sagt, ich will nicht leben, ich will mir die Reinheit meiner religiösen Ueberzeugung, mein religiöses Rituale wahren und lieber sterben, als der Wirklichkeit das kleinste Zugeständnis machen. Das ist romantisch und poetisch, wie jedes freiwillige Sterben. Aber es ist nur romantisch und nur poetisch. In der Wirklichkeit sehen die Konsequenzen des Sichselbsteinspinnens ganz anders aus. Sie führen ganz wie in den Ländern der Rechtlosigkeit zur körperlichen und geistigen Verwahrlosung, zur Entkräftung der Generationen. Denn man stirbt nicht so schnell und es ist der Mehrheit der Menschen überhaupt nicht möglich, sich in jener unausgesetzten Anspannung heroischer Gefühle zu erhalten, die eine Voraussetzung der idealistischen Selbstvernichtung wären. Für die Mehrheit besteht nur der Zwang eines umständlichen, äusserlichen, geistlosen Rituales,

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