Mannheim
Compact Memory

Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1905-03-01 · 3 (3.1905) · p. Seite 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
17 (1905)
Issue
3 (3.1905)
Date
1905-03-01
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9756662-9603194-9603220--1073-9603232
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

12 In diesem ungeheuren, von Banditen im Amte regierten Kerker sind natürlich die unglücklichsten die Juden An ihnen, als den Entrechteten, hält sich Jeder schadlos für den Druck, den er selber von oben erdulden muss. Es gibt keinen eigentlichen Volksantisemitismus in Russland, wie denn das Nationalgefühl der östlichen Völker überhaupt nicht aggressiv ist. Wenn aber der Polizeipristav seinem lieben Volke einmal ein kleines Jahrmarktsvergnügen gönnen will und ihm gestattet, über wehrlose Juden herzufallen, sie zu berauben und zu töten, so ist dieses unerzogene, systematisch in der Barbarei erhaltene russische Volk weder human noch reif genug, auf ein solches Gratisvergnügen zu verzichten. Sie würden mit demselben Gleichmut und derselben Freude an der Sache auch Massakres an Armeniern oder Kaukasiern vollziehen. Es war ein russischer Fürst und Freund des Zaren, der zu mir die Worte gesagt hat: „Es ist gar nicht ausgeschlossen, dass bei uns eine Bauernrevolte ausbricht, dann aber ist sie von der Polizei gemacht, die sich dadurch mit einem Schlage ihres eigentlichen Feindes, der russischen Intelligenz, entledigen will." Ein Volk, das auf obrigkeitliches Geheiss und mit obrigkeitlicher Erlaubnis seine eigene gebildete Klasse auszurotten bereit ist, wird sich gewiss nicht davon zurückhalten, dem immerhin als Fremden gefühlten Juden ein Leid zuzufügen. Doch diese gelegentlichen Ausbrüche wohlkonservierter Volksroheit sind nicht das Aergste, was der Jude in Russland zu erdulden hat. Viel schlimmer und verderblicher ist das System. Es wird der Jude systematisch von allen Erwerbsarten ausgeschlossen, die als die gesunden betrachtet werden können, wird in ganz bestimmte Gouvernements hineingedrängt, auf ganz bestimmte Berufe beschränkt, wo er sich naturgemäss selbst Konkurrenz machen muss, wo der Eine den Andern schliesslich auffrisst. Und das ist die Absicht. Die russische Politik ist den Juden gegenüber eine Ausrottungspolitik. Die in gewissem Sinn noch immer „ideale" Ursache dieser Politik ist natürlich die reaktionäre Tendenz der Erhaltung eines auf den Glauben und der Rasse in Unterwürfigkeit einheitlichen russischen Volkes. Die Lehre der Slavophilen von den drei Walfischen : Autokratie, Orthodoxie und Slaventum, ist zu bekannt, als dass sie hier noch erörtert zu werden brauchte. Ihre natürliche Konsequenz ist die absolute Ausschliessung des stammesfremden, glaubensfremden und politisch-kritischen jüdischen Elementes. Aber überall leidet man weniger unter den Theorien als unter der Praxis und in Russland, wo jedes Gesetz hundert Hintertürchen hat, durch die der Rubel rollen kann, wäre wahrlich die Theorie leichter zu ertragen als anderwärts. Es sind jedoch praktisch zu viel Leute interessiert an der Schädigung der Juden, als dass bei Aufrechterhaltung des jetzigen Systems an eine Aenderung ihrer Lage gedacht werden könnte. Da ist zunächst die ganze Polizei, die von illegitimen Erleichterungen des Loses jüdischer Geschäftsleute

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.