Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 17 (1905)
- Issue
- 3 (3.1905)
- Date
- 1905-03-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/9756662-9603194-9603220--1067-9603226- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
6 von hüben und drüben reichlich gedüngt ist, hat die Pflanze rasch Wurzeln geschlagen. Das gemeinhin Antisemitismus genannte Produkt der Drachensaat wird trotz seines Ursprunges auch von gebildeten, religiösen Leuten als politisches und Universalmittel gepriesen UDd hat dadurch die schon vielfach angebahnte Vereinigung ethischer Religiosität und wissenschaftlicher Bildung auf beiden Seiten wesentlich erschwert oder ganz vereitelt. Den Bekennern der mosaischen Religion scheint kein Schimpf und kein Ungemach erspart zu bleiben. Man hat sie in den finsteren Jahrhunderten der abenteuerlichsten Frevel beschuldigt. Alles, was eine krankhafte Phantasie hasserfüllten Menschen vorzugaukeln vermag, ist ihnen zur Last gelegt worden. Alles Mögliche und Unmögliche hat man von ihnen gesagt, nur nicht dass sie Tierquälereien begehen. Der Umstand dass im Israelitenvolke jede Art Misshandlung der Tiere von religionswegen strenge verpönt ist, kann nicht der Erklärungsgrund sein. Die Juden haben ja nicht einmal im Traume gedacht, die Stadt London mit griechischem Feuer zu verbrennen, es ist ihnen nicht eingefallen, Ströme, Flüsse und Brunnen zu vergiften, ein wahnsinniger Ritus, der Christenblut erheischen soll, war ihnen so fremd wie das Verlangen, gestohlene Hostien durch Entweihung blutig zu quälen, und dennoch hat man sie all dieser Ungeheuerlichkeiten beschuldigt, und sie sind geglaubt, bezeugt und unter der Folter einbekannt worden. Der Narren hat es, wie bekannt, zumal in den Zeiten des Flagellantentums und der Tanzwut, sehr viele gegeben. Wenn Jemand damals zum Beispiel behauptet hätte, dass die Juden in Ermangelung von Austern junge Katzen mit Haut und Haaren lebendig verschlingen, wäre es ebenso geglaubt, bezeugt und durch die Folter erwiesen worden. Warum hat Niemand eine verwandte Beschuldigung erhoben? Die Lüge wäre ja nicht kleiner und der Blödsinn nicht grösser gewesen als an jeder der Anklagen, die man zur herzinnigen Erbauung eines raub- und mordlustigen Pöbels wider die Juden verbreitet hat. Der Grund ist nur, dass, insolange die raffiniertesten Menschenquälereien mittelst Daumschrauben, spanischen Stiefeln, eisernen Jungfern und Feuer- und Wasserproben im Namen der Religion und der staatlichen Gesetze systematisch geübt wurden, an Tierquälereien jeder Art so wenig Anstoss genommen wurde, wie zum Beispiel noch heutzutage in Spanien an den Qualen der zur Volksbelustigung gemarterten Stiere. Ganz wie die Theorien von der allen vernunftbegabten Wesen ohne Unterschied anerschaffenen Würde und den darauf beruhenden und unveräusserlichen Menschenrechten sind auch die biblischen Ideen der Tierfreundlichkeit viele Jahrhunderte todgeschwiegen und vorenthalten worden, und erst nachdem der Gesichtskreis durch eine Reihe grossartiger Entdeckungen, Erfin-