Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 17 (1905)
- Issue
- 3 (3.1905)
- Date
- 1905-03-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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5 der Lehrmeister der Völker geblieben, war für die Menschheit ein grosses Unglück und für Israel das folgenschwerste Verhängnis seiner an Unheil und Elend überreichen Geschichte. Wenn die, was man gerechter Weise zugeben muss, nicht in allen Teilen verwerflichen, politischen und sozialen Anschauungen und Rechtsbegriffe Roms in ihrem ursprünglichen weltlichen Rahmen geblieben wären, wäre Alles, was in ihnen der Ethik widerspricht, als geistiger Gegensatz zum Christentum gefühlt, bekämpft und schliesslich beseitigt worden. Das Unheilvollste war, dass Roms Hochmut, Rechtslist und beharrliche Rücksichtslosigkeit eine geistige Despotie geschaffen, welche die fortbestehende, weltliche an Härte weit überboten. Die hat alles Heil so gründlich in den Himmel verlegt, dass auf Erden das ganze Mittelalter hindurch nichts davon zu merken war. Im Banne einer nebeldichten Finsternis waren die breiten Volksschichten der Christenheit im Ganzen und Grossen nicht besser daran als die willkürlich behandelten Lasttiere, und dem Stammvolke der vornehmsten Heiligen des neuen Bundes ist über tausend Jahre eine Behandlung zuteil geworden, die Alles, was von Egyptern, Assyriern, Babyloniern, Syriern, Griechen und Römern in der heidnischen Welt an ihm gefrevelt worden, an Grausamkeit und Tücke überboten. Eine peinlichere Existenz als die der Juden im Mittelalter ist kaum denkbar. Ihre äussere Geschichte war eine Kette von ausgesuchten Bedrückungen, von Zwang, Verfolgung und Verbannung, von massenhaften Abschlachtungen und von herabwürdigenden, demoralisierenden Quälereien. Es gibt keine Tierart, die eine so viele Geschlechter hindurch anhaltende Beängstigung und Misshandlung ausgehalten hätte, und keine Menschengattung, die nicht dadurch gefühllos, der geistigen Sammlung unfähig, in hohem Grade stumpfsinnig und mit erblichem Blödsinne belastet worden wäre. Israel ist daran nicht zu Grunde gegangen. Die zentrale Wahrheit in der ursprünglichen Form festhaltend, hat es allen Gewalten zum Trotz sich erhalten und zwar durch die Befolgung der nur das Bundesvolk verpflichtenden Satzungen und durch den Geist der für die gesamte Menschheit geoffenbarten Normen der Gerechtigkeit, die man seiner Umgebung zum grössten Teile vorenthalten hat. Die finstere Despotie des Mittelalters und ihre fortwuchernden Ableger waren für Christenheit und Judenheit moralisch zersetzende Krebsschäden. Einen solchen Ableger haben Feinde des Judentums und Christentums und der römisch-katholischen Religion überhaupt in die moderne Kulturwelt gepflanzt, um den Boden für ein neues Heidentum urbar zu machen,1) und da derselbe durch Sittenfäulnis ') Die Schulen Schopenhauer's und Dühring's.