Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 17 (1905)
- Issue
- 3 (3.1905)
- Date
- 1905-03-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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3 moralischen Grundsätze rücksichtslos hinwegsetzt, um nur zu ihren Zielen zu gelangen; es ist die in der Wahl der Mittel ganz skrupellose Politik des heidnischen Rom, die trotz des Christentums herrschend geblieben und in der Welt Schule gemacht hat. Von der Zeit an, wo das Christentum römische Staatsreligion geworden war und in Folge die römischen Heiden in Masse teils willig und teils gedrängt und gezwungen sich zum Christentum bekannten, hat mit der römisch-heidnischen Sinnesweise auch deren Politik in der Christenheit vielfach platzgegriffen und einen grossen Teil der moralischen Wahrheiten der christlichen Religion in den Hintergrund gedrängt. Vornehmlich sind es ausgeprägte Normen der umfassenden Humanität, die, weil sie bereits im Alten Testamente enthalten, in den Evangelien fehlen, welche diesem Schicksale verfielen. Da die Worte Jesu (Matth. 5. 18), welche lauten: „Bis dass Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe, noch ein Titel vom Gesetz, bis dass Alles geschehe" einen Sinn haben müssen, ist die Frage sehr berechtigt: Wieso kommt es, dass die biblischen Gesetze, die eine milde, gerechte und liebevolle Behandlung der Fremden gebieten und jede Art von Bedrückung und Anfeindung derselben verbieten, und die Gebote, welche eine milde und rücksichtsvolle Behandlung der Tiere verlangen und alle Arten von Tierquälerei verdammen, und manch andere Bestimmungen, die vom Geiste einer tiefgehenden Humanität getragen sind, in der Christenheit kaum irgend Beachtung gefunden haben? Das Christentum trägt wahrlich nicht Schuld daran,1) dass man einen wesentlichen Teil des Schatzes seiner Moral verschüttet und vergessen hat und als abgetan betrachtet; wohl aber jene Politik, die es zu seinem vornehmen Zweck in Gegensatz zu bringen sucht. (Im die Bedeutung der vernachlässigten moralischen Werte des Schatzes der Bundeslade einigermassen zu illustrieren, müssen wir Folgendes hervorheben: Ein Gesetz lautet: „Du sollst den Sklaven nicht ausliefern seinem Herrn, der sich von ihm zu dir flüchtet. Bei dir soll er wohnen, an dem Orte, den er sich selbst wählt, in einem deiner Tore, wo es ihm gefällt, Du darfst ihn nicht kränken."2) Wozu die grosse Ausführlichkeit und Umständlichkeit? Damit ist gleichsam aller Hinterlist und allen Ausflüchten, die menschliche Tücke so leicht aufbringt, Tür und Tor verschlossen, indem gesagt wird: „Es kommt dir ein fremder Mensch zugelaufen, der nichts mitbringt als seinen nackten Leib; er ist anderer Abstammung und anderer Religion, da sollst du nicht glauben, dass ') Wir meinen damit das der römisch-katholischen Konfession nicht minder als das Christentum anderer Bekenntnisse. Das kirchliche Rom hat noch zu allen Zeiten viele -sittlich hochstehende, heiligenmässig edle Charaktere aufzuweisen gehaht. 2) Deuteronomium K. 23. 16. 1*