Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 17 (1905)
- Issue
- 3 (3.1905)
- Date
- 1905-03-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 aller Art greifen, unter Benützung der zum Heile ckr Menschheit bestimmten Kulturmittel, immer weiter und tiefer und vergrössern mit dem moralischen das materielle und physische Elend ins Ungeheuerliche. Besser sind die Menschen im Allgemeinen durch die einseitige Kultur gewiss nicht geworden, dafür aber ungleich raffinierter als ehedem. Die Barbarei ist ihrem Wesen nach dieselbe geblieben, nur ihre modernen Formen sind nicht mehr so plump und nehmen sich, oberflächlich besehen, gefälliger, ja mitunter geradezu verlockend aus. Historische Vergleiche zu den sittlichen Zuständen, die in manchen Kulturzentren herrschen, bieten nur die Geschichten von Griechenland, Rom und Byzanz aus den Zeiten des tiefsten Verfalles, der durch ähnliche Missverhältnisse herbeigeführt worden. Das Sinken des ethischen Niveaus in der modernen Gesellschaft hat den Boden für eine Saat urbar gemacht, die derjenigen, welche einst Männer aus dem Volke der Religion in die heidnische Welt gesenkt haben, der Saat, welcher die Moral des Christentums entsprossen, in allen Stücken entgegengesetzter Natur ist. . . . Häupter einer jüdischen Sekte sind unter die Fremden, unter Menschen anderer Rassen, unter die Heiden gegangen, um sie durch die Moral der Gottesgesetze auf eine höhere sittliche Stufe zu bringen. Was sie dazu bewogen, war der Geist der über Religion, Abstammung und Klasse hinausgreifenden Menschenliebe, die aus dem biblischen Gebote „Liebe den Fremden wie dich selbst"1) und aus den ihm verwandten B>emdengesetzen hervorleuchtet. Als Dank dafür, dass sie den Grund geschaffen, auf dem die Kultur des Abendlandes ruht, werden ihre Volksgenossen, die Nachkommen des Volkes, das unter unsäglichen Leiden und Mühsalen das höchste Gut der Menschheit, die Alles einem erhabenen Zwecke unterordnende Gottesidee „durch das wilde Gedränge der Völkergeschichte hindurchgetragen", von vielen Gebildeten für fremd und minderwertig erklärt und darob angefeindet und als verächtliche Rasse bezeichnet. Wenn man der Zeiten Lauf und den Gang der Geschichte in der Richtung, aus welcher der Anstoss zu der modern judenfeindlichen Bewegung gekommen, betrachtet, die Zeiten der Tyrannei und Leibeigenschaft, der Verblödung des Hexenwahnes und der Foltern, des Raubrittertums, der wahnsinnigen Religionskriege und der Judenmassakren, und die des Flagellantentums und der Tanzwut klaren Blickes durchmisst, gelangt man zu einer Quelle des Unheils, die noch jetzt alles vergiftet. Es ist die grausam kalt rechnende Gewaltpolitik, die, Ideen, Gefühle und Menschenwürde missachtend, sich über die von ihr angepriesenen ') Leviticus. K. 19. 34 dort ist als Begründung beigefügt: „Denn Fremdlinge wäret ihr im Egypterlande". Ganz so lautet anch die Ausführung, Deuteronomium IL 10.19. Es handelt sich demnach nicht um aus irgend einem Grunde bevorzugte Fremde; denn das waren die Israeliten in Egypten sicher nicht.