Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 17 (1905)
- Issue
- 2 (2.1905)
- Date
- 1905-02-01
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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16 Vorgängern seit dem Ministerium Taaffe, auch nicht gelungen sei, seine politische Mission zu erfüllen und das Parlament arbeitsfähig zu machen, so habe er doch in der Verwaltung neue Bahnen gelegt und gewiesen, welche von seinen Nachfolgern nicht leicht werden verlassen werden können. (Beifall.) Herr Dr. v. Koerber habe auch die Beschwerden der Juden in vollem Masse gewürdigt und Abhilfe geschaffen. Allerdings habe sich in der Aera Koerber ein Zustand herausgebildet, der an das „Schutzjudentum" des Mittelalters erinnerte. Aus politischen Rücksichten habe Herr v. Koerber eine offene Stellungnahme zum Antisemitismus, den er innerlich verurteilte, abgelehnt. Dieser Zustand war erträglich, weil man es mit einem humanen und vorurteilslosen Regierungschef zu tun habe, er sei jedoch für die Dauer nicht aufrechtzuhalten. Referent geht zur Charakterisierung des neuen Ministerpräsidenten Dr. Freiherrn v. Gautsch über, von dem er hervorhebt, dass er gewiss nicht antisemitischer Gesinnung sei, da er seinerzeit den Hetzverein „Narodni obrana", der die Prager Judenexzesse inzseniert hat, auflöste und den Abgeordneten Schneider verhinderte, eine Hetzrede gegen die Juden zu halten. Er werde gewiss korrekt das Gesetz handhaben. Wert und Bedeutung des Ministeriums Gautsch werde darnach zu bestimmen sein, in welchem Masse derselbe die Kraft und den Willen haben werde, die Beamtenschaft und die gesamte Bevölkerung zur strengen und unparteiischen Beobachtung der Gesetze zu verhalten. Die Bestrebungen des Baron Gautsch, das Parlament wieder arbeitsfähig zu machen, müssen die Juden, selbst wenn die Gesetzgebung die wirtschaftlichen Existenzbedingungen der Juden noch weiter einschränken würde, mit aller Kraft unterstützen, weil der Konstitutionalismus die Basis ihrer staatsbürgerlichen Rechte bildet. Allerdings hänge die Arbeitsfähigkeit von dem Ausgleich zwischen Deutschen und Czechen ab, zu dessen Abschluss die gegenwärtigen Parteien aber nicht fähig sind, weil sie nur Klassen- und Interessenvertreter sind. Der nationale Friede werde nur durch die Heranziehung der breiten Massen des Volkes im Wege des allgemeinen Wahlrechtes erreicht werden. Die Stellung der Juden werde von der Kraft und Einsicht abhängen, mit welcher sie auch fernerhin ihre staatsbürgerlichen Rechte verteidigen und an der Spitze aller fortschrittlichen und freiheitlichen Bewegungen stehen werden. (Lebhafter Beifall.) Reichsratsabgeordneter Dr. 0 f n e r betont, dass die Juden nur im Anschlüsse an die freiheitsliebende Arbeiterschaft ihre politische und wirtschaftliche Existenz sichern können. Redner bespricht eingehend die grundstürzenden Vorgänge in Ungarn und die freiheitliche Bewegung in Russland, welche die Hoffnung auf bessere Zustände in ganz Europa erwecke. Wenn die Sonne