Mannheim
Compact Memory

Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1905-02-01 · 2 (2.1905) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
17 (1905)
Issue
2 (2.1905)
Date
1905-02-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9756662-9603194-9603195--1042-9603201
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

6 my point of view, be the smallest objection to intermarriage. On the contrary there would be very much indeed in its favour". Zum Neuen Testamente verhält sich das liberale Judentum gemäss seiner vorurteilsfreien und historischen Auffassung i>ie\ entgegenkommender als das alte Judentum. Freilich die Anschauung, nach der das Alte Testament nur einen Gott der Gerechtigkeit, das Neue einen Gott der Liebe lehrt, hält Montefiore für kindisch und absurd. Es gibt Stellen im Neuen Testament, welche einen Abfall von den höchsten Konzeptionen des Alten Testamentes zeigen, während andere wieder die Lehren des Alten Testamentes an religiöser Innerlichkeit und geistiger Vertiefung übertreffen. Die Persönlichkeit Jesu — „a grent and inspired teacher" — hat für das liberale Judentum keine besondere metaphysische Dignität. „Reiner Monotheismus, der direkte Zusammenschluss von Mensch und Gott, die direkte Beziehung Gottes zum Menschen, die enge Verbindung der Religion mit der Moral und der Moral mit der Religion, die eigene Verwendung von Formen und Zeremonien, der Ausschluss von Priestern und sühnenden Stellvertretern" — mit diesen Worten fasst Montefiore alle diejenigen Momente noch einmal zusammen, die im liberalen Judentum zu einer harmonischen Einheit verbunden sind. Ich habe mich im wesentlichen rein darstellend zu Montefiore verhalten und habe nur versucht, die einzelnen Motive und Tendenzen, welche die Lösung seiner Aufgabe bestimmen, in das Licht zu setzen. Diese Motive und Tendenzen sind m. E. das wertvollste an dem vorliegenden Versuche. Wir erkennen daraus die Schwierigkeiten, mit denen heute eine positive Religion zu ringen hat, wenn sie positiv bleiben und doch den nicht abweisbaren geistigen Forderungen der Neuzeit gerecht werden will. Vor dieses Problem sehen sich auch Katholizismus und Protestantismus gestellt. Jede dieser drei Religionen hat eigentümliche Schwierigkeiten zu überwinden, die in ihren historischen und dogmatischen Voraussetzungen liegen. Ob Montefiore für das liberale Judentum das lösende und erlösende Wort gesprochen hat, muss die Zeit lehren. Mir scheint, dass die rationalen und historischen Motive bei ihm nicht zu einem haltbaren Ausgleich gekommen sind, dass der Gesetzesbegriff etwas schillernd Unbestimmtes bekommen hat, indem ein höherer und ein niederer Inhalt in ihm durcheinanderlaufen. Sehr glücklich finde ich hingegen das Zurückgreifen auf den Prophetismus. In diesem sprudelt eine noch längst nicht erschöpfte Kraftquelle für das Judentum und — Christentum. In der Religion ist stets die Erneuerung und Weiterbildung von einem Zurückwenden zu der historisch und dogmatisch noch wenig belasteten Vergangenheit ausgegangen. Stets hiess es dabei: „Das alte Wahre, fass es an!"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.