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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1904-06-01 · 6/7 (Juni/Juli 1904) · p. Seite 34

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
16 (1904)
Issue
6/7 (Juni/Juli 1904)
Date
1904-06-01
Page
Seite 34 (sequence 34)
Language
German
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34 sieht, dass mau in den Juden eiue verfolgte Rasse erblickeu müsse, für die in einer englischen Kolonie eine Zuflucht und eine Heimat zu schaffen durchaus verdienstlich sei. Es handle sich nur um die Frage, ob eine derartige Ansiedlung bei dem augenblicklichen Entwicklungszustand der ostafrikanischen Länder empfehlenswert sei oder nicht. St- Petersburg. Man traut seinen Ohreu kaum, weun man vernimmt, im Herzen des Herrn v. P1 e b w e sei auf einmal das unabweisbare Bedürfnis erwacht, von seiner judenfeindlichen Politik in menschlichere Bahnen einzulenken. Herr v. Plehwe, der Freund und Beschützer des antisemitischen Hetzers Kruschewan unseligen Kischenewer Angedenkens, der oberste Leiter jener russischen Polizei, die in Kischenew, Hornel und anderen Orten durch stillschweigende Duldung blutiger Greuel den innersten Absichten ihres Chefs am sichersten zu entsprechen vermeinte, soll zu der Erkenntnis gelangt sein, dass die russische Judengesetzgebung mit Bausch und Bogen in die Papierstampfe gehöre und ein neuer Kurs in der Behandlung der russischen Juden eingeschlagen werden müsse. Die ersten Anzeichen, dass eine solche Wandlung im Gemüte des Herrn v. Plehwe sich vorbereite, stammen aus der Zeit, da infolge sehr entschiedener Vorstellungen einflussreicher amerikanischer Juden bei dem Präsidenten Roosevelt die amerikanische Regierung ihrer russischen Kollegin recht unbequem zu werden drohte. Die offiziellen Schritte, die von amerikanischer Seite wegen des Kischenew-Gemetzels beabsichtigt wurden, siud dann allerdings unterblieben, die Entrüstung der gesamten öffentlichen Meinung Nordamerikas aber konnte selbst dadurch nicht besänftigt werden, dass der russische Botschafter Graf Cassini in eigener Person sich herabliess, in der Presse einige beruhigende Worte zu sagen. Diese gänzliche Abkehr der nordamerikanischen Oeffentlichkeit von Russland war doch sehr peinlich angesichts des in Ostasien heraufziehenden Gewitters. Nun ist das Gewitter da und gewaltig schlagen die Blitze in das russische Staatsgebäude ein. Da kommt Herr v. Plehwe von neuem herbei, um nach seiner Art zu dämpfen und zu löschen. Im Innern des Landes wird der Hebel angesetzt, um jede Regung des öffentlichen Geistes noch gewalttätiger zu unterdrücken, als es bisher geschah, nach aussen hin aber soll alles im Sonnenglanze einer neuen Toleranzära erstrahlen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass, als erzwungene Folge des Krieges, in der Tat die Judengesetzgebung aufgehoben werden und dass man den Juden auch die Dörfer zur Niederlassung eröffnen wird. Doch was folgt daraus? Praktische Folgen hätte die den Juden erteilte Erlaubnis, auch in den Dörfern zu wohnen, vorderhand nicht, am allerwenigsten würde ihnen dadurch „ein weites Feld zur wirtschaftlichen Betätigung in ganz Russland" eröffnet werden. Denn den armen Juden möchten wir sehen, der heutzutage nach der jahrelangen, von oben betriebenen Verhetzung es wagen würde, sich mit seinem Hausiererbündel oder in sonstigen Geschäften auf die Dörfer zu begeben. Das wäre für die Bauern bloss eine günstige Gelegenheit, ihn zu erschlagen, ohne dass ein Hahn nach ihm krähen würde. Eine Wandlung der bestehenden Zustände ist von der Aeuderung der Judengesetze auf längere Zeit hinaus kaum zu erwarten; der Entschluss der Regierung könnte bloss als ein Eingeständnis der Schädlichkeit der bisher befolgten Bahn sympathisch begtüsst werden. Aufruf! An unsere Glaubensgenossen aller Länder! Seitdem der hochedle, leider zu früh verschiedene Baron Hirsch die ersten jüdischen Kolonien in Argentinien mit Tausenden unserer in Bedrängnis lebenden Glaubensbrüder aus Russland und Rumänien besiedelte, ist die Einwanderung derselben im steten Wachsen begriffen, so dass ihre Zahl sich heute schon auf viele Tausende beläuft.

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