Mannheim
Compact Memory

Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1904-06-01 · 6/7 (Juni/Juli 1904) · p. Seite 33

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
16 (1904)
Issue
6/7 (Juni/Juli 1904)
Date
1904-06-01
Page
Seite 33 (sequence 33)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9756662-9603068-9603151--1024-9603184
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

33 London. Unter den vom offenen Verkehr zum Protektionismus hinführenden Neuerungen, die jetzt in England an der Tagesordnung sind, ist das jremdengesetz eine der umstrittensten, weil es gleichzeitig gehässig und unwirksam ist. Es will Verbrecher und anrüchige Personen aus dem Auslande, auch Leute mit ansteckenden Krankheiten von der Landung in England ausschliessen, niemand zweifelt aber daran, dass der wahre Zweck ist, die osteuropäischen Juden, die seit Jahren zu Tausenden einströmen und iu den jämmerlichsten Quartieren der Grossstädte eine bemitleidenswerte Existenz führen, fernzuhalten. Bei den englischen Juden stösst die Bill daher auf heftigen Widerstand. Vor einigen Tagen begab sich eine Deputation jüdischer Vertreter unter Führung von Lord Rothschild zum Ministerium des Innern, um nochmals ihre Bedenken gegen das Gesetz geltend zu machen. Uuterstaatssekretär Cochrane, der in Abwesenheit des Ministers die Herren empfing, nahm die Gelegenheit wahr, zu erklären, dass die Regierung allen antisemitischen Regungen ganz fern stehe; er konnte indessen natürlich nicht die Tatsache widerlegen, dass die Bill hauptsächlich die armen russischen Juden treffe. Dass das Fremdengesetz viel nützen werde, glaubt wohl niemand ernstlich; es wird nicht einmal seinen nächsten Zweck, unerwünschte Elemente fernzuhalten, erfüllen, denn die wirklich gefährlichen Verbrecher pflegen ja sehr respektabel aufzutreten. Das Gesetz wird aber auch seine tiefere und nicht ohneweiters zu verwerfende Absicht, den englischen Arbeiter vor der Konkurrenz schlecht lebender und darum zu Hungerlöhnen arbeitender Ausländer zu schützen, nicht erreichen können, weil es für diesen Zweck bei weitem nicht radikal genug ist. Von jüdischer Seite werden übrigens jetzt Schritte getan, den Anstoss, der durch die niedrige Lebenshaltung der in elenden Quartieren hausenden jüdischen Arbeiter in sanitärer und moralischer Hinsicht geboten wird, zu beseitigen. Bis jetzt wohnen diese Eingewanderten meist in dem entsetzlich überfüllten Londoner Stadtteil S t e p n e y. Ein aus reichen englischen Juden bestehendes Komitee hat nunmehr 5 Millionen Mark zusammengebracht, um im Bezirke E n f i e 1 d für sie gesunde Wohnhäuser und Werkstätten zu erbauen. Man will hier zunächst für 1000 Familien Platz schaffen, dann aber auch in andere Stadtteile gehen und mit einem Aufwand von insgesamt 20 Millionen Mark den Juden des Ostens menschenwürdige Unterkunft schaffen. London. (DieAnsiedlung von Juden in Ostafrika.) Im englischen Hause der Gemeinen protestierte der Abgeordnete W a s o n gegen das Projekt einer zionistischen Niederlassung in Ostafrika. Die Durchführung dieses Planes könnte dazu dienen, Unruhen hervorzurufen. Die Bevölkerung des Landes, so behauptete der Redner, sei im höchsten Grade erregt (!) über den Gedanken, dass das Land an russische und rumänische Juden ausgeliefert werden solle. Die Folge werde wahrscheinlich ein Aufstand der Eingeborenen sein. Keine der englischen selbstregierenden Kolonien würde jemals die Errichtung einer Niederlassung von solchen Leuten dulden, die weder die englische Sprache noch die der Eingeborenen verstehen. Major Evans-Gordon erklärte, dass vorläufig diese ganze Niederlassungsfrage noch sehr schattenhaft sei. Der Baseler Zionistenkongress habe zwar anerkannt, dass das Anerbieten der englischen Regierung ausserordentlich grossmütig sei, .aber ein Teil des Kongresses sei der Ansicht gewesen, dass eine Niederlassung in Ostafrika von dem wahren zionistischen Ziel, nämlich von der Niederlassung in Palästina, ablenken würde. Trotzdem sei man übereingekommen, an Ort und Stelle zu untersuchen, wie weit die Idee einer Ansiedlung durchführbar sei. Die Schwierigkeiten seien jedoch so grosse, dass es als fraglich bezeichnet werden müsse, ob auch nur eine einzige jüdische Familie wirklich die Ansiedlung versuchen werde. In dieser Ansiedlungsfrage eine Bedrohung des Bestandes des englischen Weltreiches zu erblicken, sei einfach lächerlich. Earl Percy erklärte, dass die Annahme, England wolle Staatsgebiet an die jüdische Nation abtreten, eine vollständig irrige sei, da es sich immer nur um die .Frage einer Landverpachtung gehandelt habe, Sir Eduard Grey war der An-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.