Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 16 (1904)
- Issue
- 2 (2.1904)
- Date
- 1904-02-01
- Page
- Seite 19 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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19 Hier, wo theologische Fragen nicht zur Erörterung gelangen sollen, ist nicht der Platz, zu zeigen, wie sehr Schule und Synagoge, diese beiden heiligen Erziehungs- und Bildungsstätten, der Selbsthilfe benötigen, nicht der Platz, zu zeigen, welch' eine tiefe, entsetzlich tiefe Kluft das Leben von heute und die Wissenschaft von heute das Judentum von heute trennt; eine Kluft, die ein Grab zu werden droht! Soviel aber ist sicher und damit will ich schliessen, dass auch dem Judentum in seinem Kampfe ums Dasein nur ein Heil erwächst und erwachsen kann, das ist die Selbsthilfe durch Anpassung an das Leben von heute, an die Wissenschaft von heute zum Zwecke der weiteren Entwicklung." Vorsitzender Professor E h r m a n n dankt dem Vorredner für den ganz eigenartigen, tief durchdachten Vortrag, welcher alle modernen Fragen der Entwicklungslehre umfasste, einen Vortrag, dessen Wissensreichtum vielleicht nur derjenige ermessen kann, der selbst in der Lage ist, an dem Ausbau der Entwicklungslehre mitzuarbeiten. Besonders an dem Vortrage zu rühmen sei die Wahrheit und Ehrlichkeit der Ueberzeugung, welche auch nicht davor zurückschreckt, an das lebenswichtigste Organ mit prüfenden Fingern zu greifen. Professor Ehrmann gedenkt sodann tiefbewegt eines edlen Mannes, der vielleicht seit Jahrzehnten das erstemal von den Sitzungen der „Union" abwesend ist, das erstemal deshalb, weil ihn heute schon die kühle Erde deckt. Es ist dies der um die Gründung und Entwicklung der „Union" so sehr verdiente Herr Bernhard K a n i t z, ein Mann, der an der Wiege der „Union" gestanden, der in keiner einzigen Ausschussitzung gefehlt hat, wenn er nicht durch Krankheit an das Lager gefesselt war, ein Mann, dem die „Union" ein warmes Andenken bewahren werde. Friede seiner Asche! (Die Anwesenden erheben sich zum Zeichen der Trauer von ihren Sitzen). An den Vortrag schloss sich eine lebhafte Diskussion, in welcher zuerst Herr Architekt Marmorek das Wort nahm. Derselbe bezeichnete es als gefährlich, wenn man eine Reform des jüdischen Zeremonialgesetzes verlangt. Wer ist berufen, diese Reform vorzunehmen und wer wird dieselbe anerkennen? Das heisst, uns dem Feind in die Arme treiben. Wir wollen nicht das Trennende hervorheben, sondern das Verbindende, die Einheitlichkeit zur Verteidigung und Erhaltung des uns allen gemeinsamen und teuren Judentums. Gewiss könne da Selbsthilfe nützen, aber eine Selbsthilfe mit einem ganz bestimmten Programm und Ziel. Juden gibt es heute 121/«, Millionen, wieviel wären es in 50 Jahren? Das wäre eine lehrreiche Zahl gewesen, wenn Redner dies gesagt hätte. Dann wäre die Frage, ob sich ein so grosses Volk erhalten könnte und ob es nicht die höchste Zeit wäre, für ein grosses Ziel, für eine eigene Heimat zu arbeiten, gelöst. 2*