Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 16 (1904)
- Issue
- 2 (2.1904)
- Date
- 1904-02-01
- Page
- Seite 18 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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18 Gegensatz, es kann gar keinen geben. Beide dienen der Wahrheit und es gibt nur eine Wahrheit Aber es gibt einen Gegensatz zwischen gewissen Formeln und Vorstellungen, die mit der Religion identifiziert werden, und zwischen der Wissenschaft, die diese Vorstellungen als nicht identisch mit der Religion nachweist; dieser Kampf existiert. Wir selbst stehen mit beiden Füssen darin; es ist der Kampf ums Dasein, den das Judentum zu kämpfen hat. Ein tiefernster Kampf, der in des Wortes ureigenster Bedeutung sich zur Frage zuspitzt: „Sein oder nicht sein-', und für diesen Kampf gibt es durchaus kein Analogon in der jüdischen Geschichte, denn nicht einer einfachen Reform, oder Neuerungssucht steht das Judentum gegenüber, sondern der ernsten exakten Wissenschaft, der vollauf erwiesenen Wahrheit, die ihren Siegesweg geht über noch so viele ehrliche und unehrliche Gegner. Der Kampf ist ein tiefernster und alle, die das Judentum kennen und lieben, dürfen und können nicht müssige Zuschauer bilden. An unser Herz und Mark greift dieser Kampf, denn das Judentum ist die Mutter, ist der Stolz; es muss erhalten bleiben für die Tage der Anerkennung, die ihm noch vorbehalten sind! Meine verehrten Damen und Herren! Diese Menschheit, zu der die Juden Stellung zu nehmen gezwungen sind, scheidet sich in geistig minder und geistig höher entwickelte Menschen. Zu ersteren zählen alle unsere Gegner auf reaktionärer Basis, die Antisemiten aller Farben; diese zwingen den Juden den Kampf ums Dasein auf. Zu den höher entwickelten zählen die Vertreter der modernen Naturwissenschaften und anderer Wissenschaften. Auch diese zwingen dem Judentum den Kampf ums Dasein auf. Feinde nach oben und nach unten. Eine Zeit schwerster Not, aber eben in der Not lernen wir ja uns selbst und unsere besten Freunde kennen, unsere eigene Kraft zum Zwecke der einzigen, der heiligen Wahrheit selbst und, meine verehrten Damen und Herren, in der Juden Kampf ums Dasein zeigt uns den einzigen richtigen Weg unser Verein „Union". Diesen Weg zeigt auch die denkbar grösste Union im einheitlichen Reiche der ganzen Natur durch Selbsthilfe und Anpassung zum Zwecke der Entwicklung, und Anpassung für uns Juden heisst durchaus nicht Nachahmung unserer Umgebung. Das Judentum ist kein Modeartikel, wir brauchen durchaus nicht nachzuahmen das, was die Majorität übt. Alles, was sich nicht nach vorwärts entwickelt, darf kein Interesse für uns haben; wir müssen uns Hand in Hand mit der Wissenschaft vorwärts entwickeln. Anpassung bedeutet zweierlei. Anpassung an die Wissenschaft von heute, in welcher das Judentum einfach innerhalb der menschlichen Entwicklungsgeschichte eingereiht wird; Anpassung an das Leben von heute durch eine in einer Synode vorzunehmenden Revision aller bisherigen Vorstellungen, ob diese Entwicklung förderlich oder hinderlich ist.