Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 16 (1904)
- Issue
- 2 (2.1904)
- Date
- 1904-02-01
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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16 der progressiven Vererbung auf die Nachkommen werden spätere Generationen diese Eigenschaften schon im gesteigerten Maasse zur Welt bringen, was dann bei fortgesetzter Vererbung bis zur vollen Umformung jener Organe führen muss, die Träger dieser Eigenschaften sind. So wird die ursprüngliche individuelle Verschiedenheit zum Ausgangspunkt scheinbar neuer Arten, so wird das Gesetz der Selbsthilfe und Anpassung zum Träger der Entwicklung und andere Formen zu höheren und vollkommeneren.1' Redner erläutert diese Ausführungen durch zahlreiche wirksame Beispiele aus dem Tier- und Pflanzenleben und fährt dann fort: „Wohin man blickt, überall tritt uns das eine, allumfassende Gesetz entgegen. Der Kampf ums Dasein bildet die natürliche Auslese, indem er nur jenen Organismen die Fortsetzung ihres Lebens gestattet, die eben zur Selbsthilfe befähigt waren durch die Anpassung, die schliesslich zur vollen Umformung der Organe führen musste. Und nun legen wir den Massstab an die Worte des unvergesslichen Meisters Lazarus, indem wir sehen, dass bestimmte Tiere und Pflanzen in bestimmten Verhältnissen bestimmte Formen und bestimmte Farben haben. Mag dies nun eine tatsächliche Beobachtung oder eine beobachtete Tatsache sein, dass eine volle Umformung der Organe dadurch hervorgerufen werden kann, dies musste sich doch vor unseren Augen vollziehen. Diese beobachtete Tatsache ist wirklich gegeben, ja sie war sogar früher schon da. Sie erst hat die Erklärung geboten für alle tatsächlichen Beobachtungen in der Natur. Es ist die künstliche Züchtung. Jeder geübte Züchter kann in wenig Jahren Tiere oder Pflanzen erziehen, die in der Gestaltung einzelner Organe ganz enorme Abweichungen zeigen. Der Beispiele dafür sind viele. Sie laufen als Pferde, prangen als Blumen in den Treibhäusern und werden als Tafelobst verzehrt. Ist die natürliche Auslese nur eine tatsächliche Beobachtung, dann ist!die künstliche Züchtung eine beobachtete Tatsache, die jeden Zweifel ausschliesst. Ja, es war hiedurch erst die Erklärung gefunden für den ganz ungeheueren Entwicklungsgang der Natur bis zum Menschen, als das höchst entwickeltste Geschöpf, nicht allein in der Körperform, sondern mehr noch in der ihm allein vorbehalten gebliebenen sittlichen und geistigen Macht. Ja, dieser sittliche und geistige Mensch ist nur das Produkt des Kampfes ums Dasein. Der rücksichtslose Kampf ums Dasein hat durch die Selbsthilfe die jetzige Entwicklung des menschlichen Gehirns und der übrigen Organe erzwungen. Mit der Erfindung des ersten Werkzeuges war der denkende Mensch als Herr der Schöpfung geboren. In seiner abstrakten Denkart liegt und lag schon die Hoheit, die Erhabenheit über alles andere, welcher Kraft er sich bald bewusst ward. Die Erhaltung und Vermehrung dieser Menschenhoheit aber verlangte von ihm notgedrungen das stets zu erweiternde Streben, alles Tierische ab-